I.

 

  1.  

    The Survival of the Arschloch

    Kindergarten und Alphatiere

 

 

1977, Köln: die Geburt.

Der Vater: Zuerst noch Künstler, dann Psychologe.

Die Mutter: damals bereits eine Lehrerin.

Zusätzliches Bonusmaterial: ein kleines Brüderchen.

Der Bruder, welcher wahrscheinlich eher ein Zwilling hätte werden sollen, verspätete sich um ein ganzes Jahr. 1

 

Die Galle und die Leber meines Bruders wuchsen zuerst viel zu schnell. Er bekam einen riesigen Bauch, was komisch aussah. Die Mutter entwarf form-angepasste Hosen. Dramatisch prognostizierten behandelnde Ärzte sein immerzu kurz bevorstehendes Ableben. Als er bis zu seinem vierten Lebensjahr immer noch nicht verstorben war, revidierten sie ganz vorsichtig ihre Einschätzung: Unter Einbehaltung einer äußerst strengen Diät würde er vielleicht überleben. Man könne allerdings für nichts garantieren. So ein bisschen Panik macht sich immer gut.

 

Die obligatorische Studenten-Matratze auf Paletten, selbstverständlich unter original indischen Tüchern - so kam ich auf die Welt. Mit einem Blick, der „so weise“ gewesen sein soll, als habe man bereits „alles auf der Welt schon gesehen". Die Eltern gehörten der nach Freiheit strebenden Hippie-Generation an. Männer ließen sich die Haare wachsen, Frauen schnitten sie sich ab. Ärzte legten damals auch schon sehr viel Wert auf Kundenbindung. Kinder sollten ausschließlich in Krankenhäusern zur Welt kommen. Die Mutter aber blieb hartnäckig bei ihrem Wunsch nach einer Geburt innerhalb der eigenen vier Wände.2 Wütend drohte man ihr mit Konsequenzen.

 

Ein Schreikind. Der Vater versuchte es mit einer Überdosis Körperkontakt, schlief selbst nicht mehr. Wir hielten uns gegenseitig wach. Musste er einmal außer Haus, war die Mutter darüber sehr erleichtert. Sie legte mich in das Torfbettchen, in welchem ich sofort einschlief. Den Papa die Nacht über wach zu halten war ganz schön anstrengend.

 

Meine Karriere begann als schmuckes Ausstellungsstück. Kurze Zeit nach der Geburt schob man mich in einem rollenden Nest durch eine Gruppe von Menschen, welche an einzelne Tische verteilt herumsaßen. Die Mutter grub mich aus, hielt mich unverhofft einem fremden weiblichen Wesen hin:

« Möchtest du sie auch mal halten? Aber ... Vorsichtig! Gaaanz vorsichtig... » raunte sie.

« Oh,… meinst du wirklich? »

Behutsamt nahm die fremde Frau das zerbrechliche Paket entgegen:

« Ohhh, wie süüüß, Oh mein Goott! »

Andächtig hielt sie mich für eine Weile in ihrem Armen, während sie, fast wie eine aufgehende Sonne, in einem hellen Licht zu erblühen begann.

« Die Kleine ist ja goldig! Eine richtige kleine Fee! »

Zärtlich stopfte man mich zurück in das Sicherheit spendende Nest.

« Hat sie denn einen Namen? »

« Nein. Wir haben uns noch nicht entschieden. »

« Wieso das denn nicht? Ihr müsst doch einen Namen für sie haben. »

« Es gibt so viele schöne Namen, wir können uns einfach nicht entscheiden! »

Eine Diskussion über Namen entbrannte.

« Natalie! Jennifer! Jasmin! »

« Fee! Nennt sie doch Fee! Das ist sie. Unsere kleine Fee. »

Meine temporäre Zulassung als Fee war die einzige Zeit in meinem Leben, in der ich wahrhaft geliebt wurde Ich war süß, Gummibär, wahlweise Heilige - meine Existenz brachte Glück und Freude ins Leben anderer Menschen.

 

Eine Spieluhr. Sie war das Objekt, dessen ich mich eine Zeit lang mit einigem Elan erfreute. Sie bestand aus rot lackiertem Holz, hatte die Form einer Glocke und war bereits ziemlich abgenutzt. Ein verblichenes, hellgrünes Blümchenmuster zog sich um ihre Mitte. Die Schnur zu ergreifen, um daran zu ziehen, erforderte volle Konzentration. Was es besonders erschwerte, war, dass die Holzkugel am Ende des Bändchens fehlte, welche durch einen kleinen Knoten ersetzt worden war.

 

Nicht zu sprechen und mich damit nicht adäquat mitteilen zu können, erwies sich als eher nachteilig. Daran kann ich mich ebenso gut erinnern wie an viele andere Dinge aus meiner frühesten Kindheit. Daran, wie es war, zu krabbeln, da man noch nicht aufrecht stehen und laufen konnte. Dabei Hindernisse zu erklimmen wie eine auf dem Boden liegende Matratze. An unseren Schaukelstuhl mit dem Flokati herinnen. Die ausgiebigen Reisen meiner Eltern mit unserem VW Bus.

 

Anfangs ging mein Bruder ohne mich kaum allein irgendwo hin. In der Regel erwiesen wir uns selbstverständlich als erbitterte Konkurrenten, so wie es sich für anständige Geschwister gehört.

 

1981.

An dem Tag, als Vater fortging, weinte die Mutter sehr.

Wir fragten. Und wir fragten sie wieder und wieder:

« Wo ist Papa? Wann kommt der Papa wieder? »

Und immer kam die gleiche Antwort:

« Er muss arbeiten. Er hat keine Zeit. »

« Aber, aber, wann kommt er denn? Er kann doch nicht immer nur arbeiten! »

« Wenn er mal Urlaub hat. Jetzt geht mir nicht schon wieder damit auf die Nerven! »

Sie wollte nicht, dass wir sie fragten. Wir fragten trotzdem. Woher hätten wir wissen sollen, dass sie ihm nicht erlaubte, uns zu sehen?

 

Die vielen schlaflosen Nächte, in welchem ihre Streitereien mich stundenlang wach hielten, sind mir in guter Erinnerung. Ich wäre damals gerne hingegangen und hätte ihnen gesagt, dass sie bitte an sich glauben sollten. Dass sie das schon schafften und alles gut werden würde. Da man kleinen Menschen aber meistens ja gar nicht erst zuhört, noch sie im Falle eines Falles ernst zu nehmen pflegt, entschied ich mich dagegen. Hätte ich ihre Ehe retten können? Drei Jahre später wurde die Scheidung rechtsgültig.

 

Eines Tages brachte meine Mutter einen Fremden mit zu uns nach Hause.

« Kinders, schaut mal her. »

Sie ergriff den großen, fremden Mann an der Schulter, der unbeholfen stolperte, schob ihn nach vorn. Er lächelte schüchtern.

« Das... ist mein neuer Freund ».

Ende der Vorstellung. Dieser Mensch war das neue Familienmitglied.

 

Schon bald sollte alles anders werden.

 

Wir zogen in eine Wohnung am Stadtrand. Eine gute Portion Urlaubsfeeling versprechend verfügte sie über Garten, Spielplatz und Balkon. Kreischend vor Vergnügen spielten mein Bruder und ich zwischen Umzugskartons Fußball. Den „Ball“ stellte das nächstbeste unschuldige Objekt dar, welches zwischen den Kartons auf dem Boden herumlag - eine kleine, steinerne Zierfigur.3 Schon bald erforderte der dabei produzierte Lärm eine elterliche Begutachtung. Sofort gab es eine Kreischerei. Das war ungewohnt. Die Mutter hatte uns nach ihrer Trennung, vor dem Umzug in Watte gepackt und nach Strich und Faden verwöhnt. Oh, Mann... Was brüllte die denn so? Konnte man denn nicht vernünftig mit uns in Kontakt treten? Der Versuch, Widerworte zu geben, ist in einer solchen Situation nicht gerade förderlich. Kaum hatten wir damit begonnen, wurde dem ersten Kandidaten bereits mit Schwung die Hose runter gezogen. Fälschlicherweise davon ausgehend, dass die Situation ein solches Verhalten von mir verlangte, lachte ich lauthals. Eine Prügelei war bislang immer etwas gewesen, wobei traditionell viel gelacht werden musste. Als mein Bruder anfing zu schreien blieb mir mein Lachen aber im Halse stecken. Das klang irgendwie so gar nicht nach lustig. Es ging der Reihe nach. Den Rest habe ich nicht mehr mitgekriegt.4

 

Um seine Kinder wiederzusehen, musste unser Vater erst einmal vor Gericht. Dort wurde ein Besuchsrecht zugesprochen. Mittlerweile hatte auch er wieder in die Arme einer Frau gefunden. Überraschung! Eine Lehrerin! Diese wohnte in einem kleinen Häuschen auf dem Land.5

 

Bereits im Kindergartenalter schalt man mich "verhaltensauffällig". Vermutlich stimmte das. An Spielen innerhalb der Gruppengemeinschaft nahm ich nur teil, um dann von meiner Unfähigkeit, meine Rolle zu begreifen, entnervt herumzustehen. Sogar ganz simple Spiele wie "Fangen" waren für mich anfangs nur sehr schwer zu begreifen. Es hatte etwas damit zu tun, voreinander wegzulaufen. Ok! Das war leicht. Dass es aber vor allen Dingen darauf ankam, überzeugend das arme Opfer zu spielen, um damit den Jagdtrieb des Fängers anzustacheln, habe ich sehr lange gar nicht verstanden. Derweil alle anderen kreischend umadum rannten, stand ich bloß Ölgötzenfeil. Wie unlogisch? Mich zu fangen, wäre so einfach gewesen, … schließlich lief ich ja gar nicht weg! Wieso wurden ausschließlich und hingebungsvoll nur all jene gejagt, die so schwer zu erwischen waren? Das erweckte bei mir den Eindruck, als wollte keiner etwas mit mir zu tun haben. Ich beklagte mich darüber, wobei das für die anderen Kinder keine Geige zu spielen brauchte, denn die hatten ja sich und ihr Vergnügen – dass ich davon ausgeschlossen war, schien niemanden zu interessieren.

 

"Spielen" bedeutete allerdings nicht nur Herumgerenne und unberechenbares Gewusel, sondern ging auch immer mit einem besonders hohen Geräuschpegel einher. Es gab schönere Beschäftigungen: Lagen bunte Zeitschriften herum, bevorzugte ich, darin zu blättern. Das weiche, sanft raschelnde Papier glänzte und glitzerte. Malen war angenehm, still und entspannend. Saß dabei ein anderes Kind neben mir, war es trotzdem ganz auf sich konzentriert. Damit kam ich deutlich besser zurecht. Die Liebe meines Lebens: Bauklötze. Tat ich, was ich gern tat, fühlte ich mich dabei wohl. Versuchte ich mich in dem, was die anderen taten, stellte es einen hilf,- und erfolglosen Versuch dar, welcher grundsätzlich fehlschlug. Das frustrierte.

 

Die anderen Kinder merkten schnell, das mit mir generell etwas nicht stimmte. Meine Versuche, dazu zu gehören, mündeten meist darin, auf Anweisungen zu warten und, wenn denn welche kamen, darauf entsprechend zu reagieren. Trug man mir etwas auf, gehorchte ich. Eine nützliche Erkenntnis, um Schabernack zu treiben. Einmal befahlen sie mir, mich an den Fuß eines kleinen Hügels zu begeben, an dem es angeblich spukte. Ich dürfe erst wiederkommen, wenn ich „den Geist gesehen“ habe. Ich glaubte nicht diesen bösen, kettenrasselnden, gefährlichen Spielplatzhuibuh:

<< Ach Quatsch, diesen Geist gibt es doch gar nicht. >>

<< Doch. Den gibt es. >>

<< Ich will aber nicht. >>

<< Du musst. >>

<< Nein. Ich habe aber keine Lust. >>

<< Doch. Und, hörst du? Du wirst so lange dort sitzen bleiben, bis er kommt. >>

<< Da kommt keiner. >>

<< Doch, der Geist. >>

<< Nein. >>

<< Hör mir mal zu. >> kam es bedrohlich.

<< Er kommt ganz bestimmt. Begreifst du das? Und du darfst erst wiederkommen, wenn du ihn gesehen hast. Hast du das verstanden? >>

<< Ja, ok. >>

Was für ein Scheiß!! Wozu übertrug man mir Aufgaben, die keinen Sinn ergaben? Entnervt saß ich da und überlegte angestrengt, wie viel Zeit ich damit zubringen müsste, dort zu sitzen, bis man mich aus dieser Situation (auf einen Geist warten zu müssen, den es gar nicht gab) erlösen würde. Ob es ok war, das Am-Fuße-des-gefährlichen-Geisterhügels-sitzen abzubrechen, wenn die Mutter mich abholte? Bis dahin waren es noch geschlagene zwei Stunden! Und würde ich am nächsten Tag wieder dort sitzen und sinnlos verharren müssen? Vielleicht sogar die ganze Woche? Oder gleich zwei Wochen? Das gefiel mir nicht.

Langsam entwickelte sich in mir die Idee des wohlüberlegten Ungehorsams. Durfte ich es wagen? Ich schielte nach den Oberbefehlshabern. Sie waren gerade sehr damit beschäftigt, ihrer totalitären Spielplatzherrschaft nachzukommen. Irgendwann stahl ich mich heimlich davon. Glück gehabt.

 

Einmal anderes Mal befahl mir ein deutlich älteres und kräftigeres Mädchen, ich solle meine Hose herunter ziehen. Ich fand das ein doofes Spiel und mochte es nicht tun, aber sie wollte mich partout nicht gehen lassen. Also tat ich es. Daraufhin warf sie sich auf mich und begann mich mit einem Spielzeug aus Plastik zu penetrieren. Ich wollte protestieren - man hielt mir den Mund zu. Die anderen Kinder sahen sichtlich beeindruckt zu. Da ich es als ein reichlich unangemessenes Spielverhalten wahrnahm, versuchte ich, hinterher eine Erzieherin darauf aufmerksam zu machen. Diese hörte gar nicht erst zu. Sie schickte mich weg und reagierte, als ich nicht gehen wollte, ungehalten: Ich sollte ihr nicht auf die Nerven gehen. Aufgrund ihres unkooperativen Verhaltens taufte ich diese Pädagogin fortan in "Schrotthaufen" um. Erfahren hat von diesem Vorfall nie einer. Wohl aber davon, dass ich unmögliches Kind Erzieherinnen als Schrotthaufen betitelte. Seitdem war ich geächtet. Man tuschelte, sobald ich in die Nähe kam, sprach aber nicht mehr mit mir.6

 

Um in die Spielecke des Kindergartens (zu meinen geliebten Bauklötzen) zu dürfen, forderte ein älterer und kräftiger Junge mich auf, seine Schuhe von unten abzulecken. Ich tat, wie mir geheißen, auch, wenn es mir unangemessen erschien, dadurch möglicherweise Dreck in den Mund zu bekommen. War das nicht etwas, was die Eltern immer als "bäh" bezeichneten? Und war "bäh" nicht etwas Unausstehliches? Warum mochte ich die Art und Weise, in der er mit mir sprach, nicht? Trotzdem wirkte das Versprechen, mit meinen heißgeliebten Bauklötzen spielen zu dürfen, verheißungsvoll. Die anderen Kinder sahen zu. Ich lag also vor ihm auf dem Rücken. Hatte ich alles richtig gemacht? Weiterhin hielt er mir seinen Schuh ins Gesicht:

<< Und, wie ist die Luft da unten so? Macht es Spaß? Wie gefällt dir mein Schuh?? Gut, ja?? >>

Oha. Wieso fragte er mich so viele Fragen? Langsam wurde es kompliziert. War die Luft am Boden anders? Das war mir bisher noch nie aufgefallen!7 Unauffällig nahm ich schnell zwei tiefe Atemzüge. Kein Unterschied festzustellen. Sein Schuh, immerhin sauber, sah aus wie neu. Er roch nach Leder. Ich nickte.

<< Ja. >>

<< Siehst du die Ameisen darauf? >> fragte er mich.

Eine neue Aufgabe stellen zu dürfen, war nicht ausgemacht gewesen. Nun sollte ich auch noch Ameisen suchen? Das barg ungeahnte Konsequenzen! Was würde passieren, wenn ich keine fand? Dürfte ich dann vielleicht doch nicht in die Spielecke? Ich unterdrückte den Impuls, seinen Schuh gründlich danach abzusuchen. Bestimmt waren da Ameisen - schließlich war er mit diesen Schuhen draußen herumgelaufen - und es war Sand daran. Der Sand aus unserem Sandkasten. Wo Sand war, da waren auch Ameisen. Hatte ich vielleicht eben versehentlich eine abgeleckt oder sogar verschluckt? Bei der Vorstellung verspürte ich direkt ein Bedürfnis, meine Zunge mit den Fingernägeln bearbeiten, versehentlich abgeleckte Ameisen herunterzukratzen, die ich als noch wesentlich ekliger empfand denn Sandkastensand. Meine Gedanken überschlugen sich. Ameisen. Nein, das führte zu nichts. Notfalls einfach Nicken und Lächeln. Nicken und lächeln funktionierte meistens. Vorsichtig nickte ich. Lächelte.

Die Erzieherin kam zurück. Schnell nahm er seinen Schuh von meiner Brust und ging zu seinen Freunden in die Spielecke. Im Nachhinein war ich tatsächlich nur darüber erbost, trotzdem nicht zu meinen Bauklötzen gedurft zu haben. Dabei hatte ich mich so angestrengt! Als ich diese Ungerechtigkeit lautstark kommentieren wollte, kam jedoch meine Mutter zur Tür herein, um mich abzuholen.

Man braucht Kindern nicht zuhören, wenn man es eilig hat.

Und eilig, das hat man es immer!

 

Naheliegend, dazu überzugehen, zuallererst einmal begreifen zu wollen was und vor allem warum ich etwas tun sollte. Bevor ich es tat. Also bot ich jeder erfolgenden Anordnung genau so lange die Stirn, bis sich mir ihr tieferer Sinn für mich erschloss. Das machte die Sache allerdings auch nicht leichter. Befehle sind nämlich grundsätzlich dazu da, ihnen Folge leisten zu müssen. Verstehen gehört in der Regel nicht mit zum Auftrag, weshalb allein der Versuch schon stetig Kritik mit auf den Plan ruft.

 

Unsere Welt macht aus Kindern gern kleine Soldaten, die ohne groß nachzudenken springen, sobald es ihnen jemand befiehlt. Erwachsensein wiederum verwechseln viele mit dem zur Schau stellen von Aggression. Der Gewaltbereiteste hat das Sagen. Jeder weiss: Junge Rekruten sind nur dann gute Rekruten, wenn sie Befehle, ohne diese zu reflektieren (oder gar verstehen zu wollen) ausführen. Einzig der Gehorsame ist ein guter Mensch. Von diesem Schema abzuweichen wird bestraft. Ist der zum Lebewesen gehörige, eigenständig arbeitende Wille erst gebrochen, erfolgt zwingend der blinde Gehorsam. Bei mir funktionierte das nicht. Es handelte sich dabei jedoch nicht um blinden Opportunismus, wie man mir immer wieder gern unterstellte. Meine Schwierigkeit bestand eher darin, dass vielen Verhaltensweisen und Worten der Menschen ihre tiefere Bedeutung nicht immer gleich zu entlocken war. Also fragte ich.

 

Fragt der Soldat, bevor er die Bombe abwirft, warum - wird er niemals ein guter Soldat sein. Der Vorgang, bei welchem einem das Überlegen-bevor-man-etwas-tut ausgetrieben wird, wird „Erziehung“ genannt. Diese sollte bei mir lebenslänglich zum Einsatz kommen. Mir kam es vor wie willkürliche Gängelei. Im Gegenzug entwickelte ich in zunehmenden Maße Selbstständigkeit und Verantwortungsbewusstsein, welche sich langsam durchsetzten. Trotz der geringen Aussichten dieses Unterfangens hatte ich bald Erfolg damit, die Erwachsenenwelt um mich herum zu erziehen. Mein Zimmer war (ganz ohne „Erziehung“) immer aufgeräumt, an der Hausarbeit beteiligte ich mich, im Gegensatz zu meinem Brüderchen, im gewünschten Ausmaß. Erhielt ich eine für mich nachvollziehbare Beschwerde, passte ich mein Verhalten dementsprechend an.

 

Das Erlebte zu analysieren, half, über ein gutes Gedächtnis zu verfügen.8 Erinnerungen gab es an: Windstärke und Richtung, Temperaturen, Luftfeuchtigkeit, Gerüche, den Zustand von in-der-Ecke-aufgestellten-Blumensträußen, Anzahl von im-Raum-herumfliegenden Stubenfliegen, innere sowie äußere Dialoge, Klangmuster, Bewegungsabläufe, sensorische Trigger. Ging es darum, die Menschen um mich herum zu verstehen, brachte diese Fähigkeit allerdings kaum weiter. Situationen, in denen ein gewünschtes Verhalten zu zeigen verlangt war, überhaupt erst als solche zu erkennen, stellte ein großes Problem dar. Parallel dazu sorgte eine diffuse Angst vor Übergriffen für Anpassung an den Stellen, an welchen ein Verständnis vollkommen fehlte. Sag Bitte, gib dem Herrn die Hand, mach einen Knicks, lächeln! Man sagte missmutig "Bitte", streckte seinen Arm aus, ohne sich die darauffolgende ritualisierte Berührung mit der fremden Gewalt zu erhoffen, beugte in unechter Demut das Haupt vor Menschen, die man nicht kannte (oder gar respektierte) und schnitt Grimassen vor Publikum.

 

Die offensichtlich dringende Notwendigkeit, sich den gesellschaftlichen Vorstellungen nach, wie man zu sein hatte, angepasst zu verhalten. Wie das wohl funktionieren sollte? Als blinder Befehlsempfänger sei man auf genau der richtigen Seite, wird einem glauben gemacht. Alles klar. Leider gestaltete es sich aber auch so, dass genau diese vermeintlichen Befehle vollkommen unsichtbar waren. Also sollte man nicht nur blind sein, sondern auch Unsichtbares sehen. Dessen ungeachtet bestand des befohlenen Gültigkeit. Obwohl es mir im Verlauf der Zeit gelang, einiges davon zu entschlüsseln, waren die am-längeren-Hebel-Sitzer auch damit nicht zufrieden zu stellen.9

 

Ein Fluch.

 

Wenn es eines gibt, was ich in meinem Leben gelernt habe, dann war es das: Ich kann mich bemühen, wie ich will und dabei ist es auch vollkommen egal, wie sehr:

 

ICH- KANN- EINFACH - NICHTS - RICHTIG - MACHEN

 

 

Allein bei dem Versuch, sich anzupassen, ging regelmäßig noch mehr schief.10 Der mir hierbei unterstellte Vorsatz animierte zu besonders aufgeprägten Feindseligkeiten. Absichtliches Fehlverhalten? Da wurde gnadenlos bestraft. Und bei mir? Da jagte ein unerfolgreiches Konzept das nächste. Der Lohn für das Ringen um Integration? Auf ewig: gesellschaftlicher Unmut und Frustration.

 

Nach meiner Einschulung wurde in der Schule weitergehänselt und gequält. Der Mutter Annahmen, dies seien "die dummen Katholiken", welche einfach nicht damit leben könnten, dass ich nicht getauft sei, waren falsch. Es lag sicherlich nicht am mangelhaften Katholizismus des Elternhauses oder dem übertriebenen Katholizismus meiner Grundschule.

 

Das offensichtliche Zurückgebliebensein stand im krassen Gegensatz zu meiner hohen Auffassungsgabe. Das „zerstreute Professor Syndrom": Jemand, der mit Schlafanzug, Gummistiefeln und fettigen Haaren aus der Tür geht und dann aber nicht nachvollziehen kann, warum man ihn dafür auslacht. Mobbing lernen die Schüler in der Grundschule von den Lehrern, sogar deutlich eher als Rechnen oder Lesen. In einer Gesellschaft wie dieser, in welcher die ganz besonders Rücksichtslosen sich auf dem breiten Rücken einer fleißigen Mitläufergesellschaft nieder,- und von ihr tragen lassen, entwickelt sich gegenüber den aus-der-Reihe-Tanzenden übertriebene Aktivität. Als käme die Feststellung, dass die Natur einen jeden von uns als Individuum erschaffen hat - einer Bedrohung gleich, welche plötzlich Gewalt, Diskriminierung und Ausgrenzung rechtfertigt. Survival of the Fittest? Nein. Das ist „Survival of the Arschloch“.

 

Angst und Aggression liegen so nah beieinander. Was liegt Menschen (und, ja, auch Kindern) näher, als ihre Emotionen unkontrolliert und ungehemmt am Nächstbesten auszulassen? Richten Früchte der Frustration sich obendrein gegen jemanden, der sich nicht zur Wehr setzen kann, ist der Erfolg eines solchen Unterfangens garantiert. Ich will schlagen, kann aber das Echo nicht vertragen? Man nehme sich einen deutlich Schwächeren zur Brust.

 

Was sollte ich tun? Siegen durch Nachgeben? Ein wütender Stier lässt sich von einem hingeworfenen Handtuch nicht aufhalten. Eine in Panik geratene Herde auf der Flucht auch nicht. Dem Mob die andere Wange hinhalten? Verteidigung und Selbst-Schutz stellten sich als verpflichtend heraus. Der Hack-Ordnungs-Status. Außerhalb ihrer sozial anerkannten Muster sind Marionettenmenschen orientierungslos, was sie, nicht nur als Einzelne, sondern auch als Gruppe, in Stress versetzt. Deshalb ist es wichtig, einen jeden Teilnehmer unserer Gesellschaft in ein hierarchisches Muster zu pressen. Ich aber beherrschte weder die Rolle des Alphatierchens, noch die üblichen Versager und Mitläuferrollen, welche in unserer Kultur zu den Basics gehören. Die gesellschaftliche Angst suchte hier ihren Halt in der Wut.11

 

Der Möchte-Gern-Alpha (=> MGA).

Diejenigen, welche in der Hackordnung12 ganz unten zu stehen scheinen, besonders gerne zu verdreschen, ist unter jenen, die gern "etwas zu Sagen" hätten, weit verbreitet. Den Status des Ton-Angebers, vermeintlich privilegiert, betrachten sie als erstrebenswert. Das Risiko, selbst auf die Fresse zu bekommen, gehen aber auch Arschlöcher nur ganz selten ein. Hier droht der Statusverlust13. Deshalb kann - auch aus vollkommen nichtigen Anlässen heraus - urplötzlich um Gedeih und Verderb gekämpft werden.14 Hack-Ordnungsrangeleien gehören zu den Dreckigsten überhaupt - Abgründen menschlichen Verhaltens scheinen hier überhaupt keine Grenzen gesetzt zu sein. Eine potentielle Gegenwehr bereits im Keim zu ersticken, scheint aus diesem Grunde nur recht und billig. Für manche von uns entwickeln sich diese Verhaltensweisen aus einer anfänglichen Notwendigkeit heraus im Verlauf ihrer Existenz zu einer ganz eigenen Form der Kommunikation: Verspricht ein asoziales Verhalten Erfolg, scheint es nicht nur legitim - sondern stellt auch ein sich selbst belohnendes Verhalten dar, welches dann einfach zur Routine wird..

 

Jede Münze hat zwei Seiten. Die Gegenspieler: Hingabe und Liebe.

Für manche ist sie die zu einem Lebensgefährten, Kind, Familie, Freund oder Haustier, welches zu hüten, pflegen und zu beschützen ihr Leben bereichert. Manche lieben ihren Beruf oder ein erfüllendes Hobby. Auch ein wacher Verstand, der allzu primitivem Verhaltensweisen keinerlei Bedeutung beimisst, kann sich erfolgreich gegen Status-Ticker wehren. Diese Tatsache fordert nicht nur den Neid heraus, sondern bedroht ganz offenbar des Möchtegern Status (Macht), gefährdet seine Sicherheit (Überleben) und beraubt ihn, so als wäre das noch nicht genug, obendrein auch noch seiner Lust. Ein MGA hat es darum immer auf die positiven, uns motivierenden Gefühle abgesehen, deren Zerstörung mit dem eigenen Überleben gleichsetzt werden. Ein ewiger Krieg, welcher sich durch die gesamte menschliche Geschichte hindurch zieht.

 

Wahre Stärke speist sich nicht allein aus der Hörigkeit einer unterwürfigen Armee von einander nach dem Mund redenden Mitmenschen - oder dem Hobby, andere in erniedrigten Positionen zu sehen, um sich daraufhin groß vorzukommen. Sie findet sich darin, in sich selbst zu ruhen.

Der Fels in der Brandung heißt nicht deshalb Fels in der Brandung,

weil er sich durch Wellen und Sturm aus der Ruhe bringen lässt.

Da solche Menschen sich aber nie in den Vordergrund spielen, findet man sie nur selten in den genau dafür vorgesehenen Führungspositionen. Um diese reißen sich die MGA´s, welche allerdings nur das Ziel verfolgen, sich aufgrund ihrer vermeintlichen Macht,- und Statusposition auf Kosten anderer zu bereichern.

 

Alphas bestimmten - wer in ihrer Mitte zu massakrieren gerade offiziell ausgewiesen war. Wie geschaffen dafür, ein Feindbild zu bekleiden, war mir eine Existenz als Punchingball vorgesehen. An solche wie mich schien man sich immer dann zuverlässig zu erinnern, wenn gerade eine Rakete abgefeuert werden musste, ein Prügelknabe erforderlich & Exempel zu statuieren war. Als Rechtfertigung dafür, sich an anderen zu vergreifen, reichte bereits, miese Laune zu haben. Wer leidet,15 darf nicht zulassen, dass andere Menschen sich in ihrer Haut wohlfühlen! Das stille Lebensglück des einen stellt hier bereits die größte aller Provokationen für den anderen dar.

 

Uneingeschränkte Macht/ Weltherrschaft zu demonstrieren, schien es erforderlich, sich exemplarisch ganz besonders grausam aufzuführen. Um so grausamer, um so mächtiger. Die einzige Notwendigkeit: ein Publikum aus rückradlosen Versagern um sich zu scharen. War die Demonstration der Macht erst geglückt, gab es in der Regel niemanden mehr, der sich mit dem MGA anzulegen bereit gewesen wäre. Jemand, der Angst und Schrecken zu verbreiten vermag, ist definitiv über jeden Zweifel erhaben. Kinder sehen, Kinder lernen, Kinder wenden an. Das ist unser Leben. Jeder, der begreift, wie man sich durch gezielte Rücksichtslosigkeit in unserer Gesellschaft einen vermeintlich als privilegiert zu betrachtenden Platz sichert, findet im Rahmen dieser unausgesprochenen, aber doch allgegenwärtigen "Ordnung" seinen Platz: Entweder gehört man zu denjenigen, welche sich mit unlauteren Methoden den Platz an der Sonne erstreiten (First Class) oder man bekommt den zweitbestesten Platz (den des Mitläufers/ Nicht-Täters/ Windschattenfahrers/ Beifall-Klatschers und/oder Wegguckers).16 Solange sich diese Verführer auf die starken Schultern ihrer Mitläuferfraktion verlassen können, wird es das Recht des Rücksichtslosen sein, welches unsere Welt regiert.

 

Gaaaanz weit darunter befand sich die Klasse, zu der ich mich zählen durfte: die Unberührbaren. Als Mittel zum Zweck zwar durchaus von Bedeutung, also nicht gänzlich unnütz, schien ich aber nach dem jeweiligen Einsatz nicht weiter von Relevanz. Ich lernte also, nur dann real zu existieren (und das auch nur als Buhmann für alles und jeden), wenn an mir jemand seine Überlegenheit demonstrieren wollte. Im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stehen schien grundsätzlich mit Gefahren verbunden. Unsichtbar blieb man zumindest von der hasserfüllten Missgunst der breiten Mitläuferfraktion verschont, da einen um diese Position niemand beneidete. Für die breite Masse schien ich noch weit weniger Mensch als für die MGA´s, die auf ihre Prügelknaben ein Stück weit angewiesen sind.17 Sich mit mir zu solidarisieren brachte den, der es versuchte, in Gefahr, degradiert zu werden. Mitläufer redeten den MGA´s nach dem Mund, gesellten sich unter jeder beliebigen Fahne.18 Außer dem, welches gerade offiziell erlaubt war, hatte man kein Gehirn zu haben. Änderte der MGA die Regeln, segelte alles stante pede hinterher. Ein Innehalten zum Zwecke der Selbstreflektion ist unter Mitläufern stets verpönt.

 

Richtig kriminell wurde es, wenn die Menschen erst um drei bis fünf Ecken herum mussten, um sich mit anderen auseinander zu setzen.19 Statt einander aufrecht und, -richtig zu begegnen, wurden eifrig die Weben der Intrigen gesponnen. Dafür versteckten man sich hinter göttergleich bekniefallten Autoritäten. Stufe zwei des Mobbing stellte dar, aus diesem Windschatten heraus zuzuschlagen. Der Alpha war der Alpha, den hatte niemand in Frage zu stellen. Sakrileg! So wurde von klein auf gelernt: Von oben einstecken, nach unten austeilen! Das ist erlaubt,- alles andere jedoch nicht.

 

Ich erinnere mich an all die lustigen Spielchen, die sich die besonders gewitzten Kinder ausdachten, weil ich einfach dumm war. Machte sich mal einer die Mühe, auf mich zuzugehen, ließ ich mich, dafür äußerst dankbar, auf eine ganze Menge Zweifelhaftes ein. Da man es als "Spiel" tarnte, erkannte ich nicht, wenn sie absichtlich grausam zu mir waren. Lachte irgendjemand mich aus, lachte ich mit. Ich war ein Idiot! Das Geräusch von Gelächter war mir zwar vertraut, dieses gehässige, brutale aber ließ die Kopfhaut kribbeln.

 

Nur in den Büchern, die ich las, gab es Glück. Eines, welches in der realen Welt nicht zu finden war.20 Mein erster Roman, "Die rote Zora"21 war bald geschafft. Die Stadtbibliothek Köln wurde zum Kinderspielplatz umfunktioniert. Als ich Neun Jahre alt war, kam einmal ein Kamerateam an unsere Schule: Man interviewte die Mädchen, wie ihr zukünftiger Traummann auszusehen hätte, welche Eigenschaften er haben sollte. Als ich mit meiner Familie später die Sendung im Fernsehen ansah, hatte man von unserer Schule nur ein einziges (neunjähriges) Mädchen ausgewählt. Mit todernstem, selbstbewussten Blick sagte es zu den Zuschauern:

« Mein Traummann soll sein wie Friedrich Schiller. »22

 

Das Muttertier sagte, ich sei meiner Entwicklung um "mindestens zwei Jahre voraus". Wo war ich denn bitte voraus? Lag es vielleicht daran, dass ich so viel las? Ich las einfach alles: Zeitungen, Bücher, Inhaltsstofflisten von Zahnpasta, Waschmittel, Shampoo, Beipackzettel von Medikamenten, Verpackungen von Nahrungsmitteln, Straßenschilder, Gebrauchsanweisungen (trotz eines Mangels an Verständnis auch gern in verschiedenen Sprachen) Telefonbücher, Songtexte, Lexika, Comics, Kinderbücher. Es machte mir Spaß, Fahrpläne auswendig zu lernen. Aus einem Interesse heraus begann ich irgendwann damit, mithilfe von ewigem Herumblättern in antiquierten Wörterbüchern englischsprachige Texte zu übersetzen.23

 

Das Mutterier verausgabte sich mit all ihrer Energie im Kampf für das Gute in der Welt und war nahezu permanent in erhitzte Gefechte mit irgendjemanden gegen irgendetwas verstrickt. An den Vater-Wochenenden hingegen gab es viel Ruhe, Liebe, Natur und freie Zeit. Wenn nach der langen Autofahrt das ersehnte Ziel in erreichbare Nähe rückte, stimmten wir Kinder vor lauter Verzückung über das bevorstehende Wohlgefühl von Erholung und Geborgenheit ein Begrüßungslied an. Es gab auch ein dementsprechendes Abschiedslied, in welchem unsere Sehnsucht zum Ausdruck kam, die wir, wie wir wussten, in unserer Abwesenheit empfinden würden. Unsere Lieder versprachen, es - das schöne Land - ganz fest in unserem Herzen zu verwahren, bis wir in baldiger Zukunft wieder zurück kommen würden.

 

Plötzlich sollte ich darüber entscheiden, ob wir zum Vater ziehen wollten. Wenn auch es das krasse Gegenteil von dem war, was ich empfand: Ich entschied dagegen. Als ich ihm meine Entscheidung bekannt gab, reagierte mein Bruder mit unverhohlenem Entsetzen:

« Bist Du bescheuert? » fragte er mit einer vom Leid verzerrten Miene.

Wären wir gegangen, hätte es unserer Mutter das Herz gebrochen. Das wusste ich und konnte es nicht verantworten. Hätte ich in dem Moment im eigenen Interesse entschieden, wäre sie vielleicht daran zugrunde gegangen. So entschied ich (in diesem Fall für uns beide), für eine Zukunft mit dem darin für uns bereit stehenden Leid. Als Begründung für diesen Entschluss führte ich die angebliche "Angst vor dem Verlust der gewohnten Umgebung" an, welche nun wie geplant keiner in Frage stellte. Wir hielten durch und wuchsen weiter mit den für die damalige Zeit üblichen Erziehungsmethoden24 auf.

 

Als ich älter und damit auch reifer wurde, fing ich an, mich aufgrund des von mir in der Situation empfundenen seelischen Leids selbst zu verletzen. Durch den Schmerz war ich dazu in der Lage, den psychischen Druck in einen physischen Schmerz abzuleiten, wodurch ein beruhigender Effekt erzielt werden konnte. Es dauerte aber nicht lang, bis ich mir Gedanken darüber machte: Dieser Form der Problemlösung ging die Dinge nicht an ihrer Ursache an. Das war blöd. So konnte es nicht weiter gehen.

 

Nach reichlicher Überlegung sprach ich zuerst mit unserem Vater, um daraufhin zum ersten Mal in meinem Leben in einer traumatisierenden Dafür-bin-ich-nicht-zuständig Warteschleife zu landen.

« Da kann ich auch nicht weiterhelfen. »

« Was? Aber warum denn nicht?? »

« Mit eurer Mutter kann man nicht reden. »

« Aber das stimmt doch gar nicht! Wir reden doch auch mit ihr, jeden Tag! »

« Naja, das kann schon sein, aber ich kann nicht mit ihr reden. »

Wie, er konnte nicht mit ihr sprechen? Ich stellte mir das live vor. Wenn Sie sich trafen. Und was machte er dann statt dessen? Schweigen? Und was machte sie dann? Zurückschweigen? Bei der Vorstellung musste ich beinahe lachen. Wollte er mich verarschen? Nein. So etwas tat er nicht.

Ich insistierte:

« Ach doch, das geht, … ganz bestimmt. »

Musste ich es ihm etwa beibringen? Sprechen konnte er doch! Was war denn da los?

« Nein! Ich habe es ja versucht! Immer wenn ich mit ihr ein Gespräch anfange, rastet sie gleich aus. »

« Wie, rastet aus... ? »

Ein Schloss eines Koffers oder einer Tür konnten ein, und wahrscheinlich auch ausrasten. Aber was hatte das denn jetzt mit der Mutter zu tun?

« Naja, sie erzählt halt irgendwelchen Blödsinn, schreit die ganze Zeit herum. Das kann einem richtig Angst machen, so, wie sie sich immer aufführt. Ich kann nicht einmal im Bezug auf Kleinigkeiten vernünftig mit ihr reden. Das ist ihre Reaktion auf alles, was mit mir zu tun hat. »

Er zuckte entschuldigend mit den Schultern.

Na so ein Mist...

Insgeheim beschuldigte ich ihn, sich nicht richtig für uns Kinder zu interessieren. Das war nicht in Ordnung! Einerseits schien das Thema nun für ihn erledigt, und was erschwerend hinzukam: er hatte uns ja auch schon einmal im Stich gelassen.25

« Und wenn wir nun vielleicht doch zu dir ziehen? »

« Nein. » Hatte er gesagt.

« Das geht leider nicht. Du weißt ja, ich habe jetzt eine neue Freundin. Und die hat gesagt, sie möchte keine Kinder haben. Jaa, und ohne ihr Einverständnis kann ich da erst mal nichts machen. »

Hallo? Was kann denn da noch wichtiger sein als wir, seine Kinder! Außerdem: Was für eine unsympathische Person! Die sollte er lieber mal ganz schnell in die Tonne kloppen. Warum erkannte er das nicht selbst!?! Ihm vernünftiges Denken erst noch erklären zu müssen, war unangenehm. So etwas mochten Erwachsene nicht.

« Ist doch ganz einfach: Wir ziehen zu dir! »

« Nein, so einfach ist das leider nicht. »

« Warum denn nicht !!? »

Nachdenklich schwieg er vor sich hin.

« Man könnte vielleicht zum Jugendamt gehen, aber... das halte ich für keine so gute Idee. Die stecken Euch dann nachher noch in ein Heim... Weißt du was? Ich werde mal versuchen, mit meiner neuen Lebensgefährtin zu sprechen. Vielleicht kann ich sie ja überreden, dass sie es sich noch einmal anders überlegt. Aber eins muss klar sein! »

Bedeutungsvoll erhob er den Zeigefinger in die Luft:

« Ich kann nichts versprechen! »

 

An dieser Stelle war ein Schmerz aufgetreten, der mich von innen her auffraß. Unser Vater war in dieser Kette von Ereignissen die Einzige noch verbleibende Hoffnung gewesen. Sah er vielleicht gar nicht den Ernst der Lage?

 

Und wieder einmal war das Licht der Straßenlaterne zu hell, das Atmen meines Bruders aus der anderen Ecke des Raumes viel zu laut, der Geruch seiner Füße verstörend. Ich konnte nicht schlafen. Morgens früh um vier fuhr ich aus einem Alptraum hoch: Verwüstende Stürme hatten ein blutiges Schlachtfeld in mir hinterlassen, in dem entfesselte Gewalten blutig auf einander geprallt waren. Am Ende war mir das Regal, das über meinem Bett hing, samt seinem Inhalt krachend auf den Kopf gefallen. Ratlos schob ich das Regalbrett wieder an den gewohnten Platz. Wie war das überhaupt zu mir runter gekommen? Hatte ich etwa um mich geschlagen? Ich deckte mich wieder ordentlich zu und schlief in dem Bewusstsein ein, auf jeden Fall einen Weg finden zu müssen, um uns aus dieser belastenden Situation zu befreien. Sich ausgeliefert zu fühlen, das war einfach nicht gesund. Mein nächtlicher Wutausbruch hatte zwar auf die Fähigkeit hingewiesen, mich womöglich zur Wehr setzen zu können, aber: brachte die Kraft der Emotion einen dazu, anderen Menschen zu schaden, schien dies nicht zuträglich. Ohne einen wachen Verstand an ihrer Seite erschienen starke Gefühle sehr riskant. Da konnte es passieren, dass man mehr zerstörte, als einem lieb war. Außerdem war der Schuldige in diesem Fall auch nicht mein Vater.

 

Tags drauf zog ich meinen Bruder ins Vertrauen. Wir vollführten gerade gemeinschaftlich den täglichen Abwasch.

« Duu, … » holte ich weit aus.

« Jaa? Ich? »

Wie immer zum Scherzen aufgelegt. Dieses Mal aber war es bitterer Ernst, so dass mir das Kichern im Hals steckenblieb.

« Wir müssen etwas besprechen. »

« O-oh, was kommt jetzt. »

So ein Alberkopf. Ich schwieg, musste mich erst sammeln.

Er spülte, ich trocknete ab.

« Wir müssen etwas unternehmen. » sagte ich ernst.

« So wie es jetzt ist, hier, bei uns, kann es nicht weitergehen. Wir sollten mit der Elternfraktion sprechen. Das muss dringend aufhören. »

Er drehte sich mit vom Spülwasser tropfenden Händen zu mir um, sah mich mit großen Augen an.

« Spinnst du? »

« Nein. Das ist mein Ernst. Wir müssen da was machen. Es geht nicht anders. Und das weißt du auch. »

Er drehte mir wieder den Rücken zu, spülte, nun gar nicht mehr zum scherzen aufgelegt, verbissen weiter.

« Du und deine komischen Ideen. »

Was sollte das denn jetzt heißen? War er dagegen???

« Komm schon... Mann, … is doch wahr.... »

Jetzt sprach er gar nicht mehr mit mir. Wahrscheinlich hatte er einfach nur die Hosen voll. Nachvollziehbar - mir erging es ja nicht viel anders. Aber: Dass er mich jetzt deshalb im Stich ließ, durfte ich nicht zulassen. Wenn sie eine Aussicht auf Erfolg haben sollte, mussten wir die Sache auf jeden Fall gemeinsam durchziehen. Anders ging es nicht.

« Wir müssen etwas unternehmen! »

« Jaa, uund? Was soll das denn bringen? Das ist eine Scheiß-Idee! Willst du etwa unbedingt was auf die Fresse? Ich nicht!! » fluchte er.

« Jetzt hör doch mal zu! » vermeldete ich.

« Nein! Ich will nicht!!! »

Er war zwar jünger als ich, was jedoch nicht hieß, dass er sich von mir alles diktieren ließ. Trotzdem: das hier war zu wichtig. Ich überlegte. Eine Grundsatzdiskussion zu dem Thema, wer jetzt der Bestimmer war und wer das letzte Wort hatte, führte uns nirgendwohin. Darauf lief es aber hinaus, wenn ich sein Statement jetzt nicht respektierte und versuchte, ihn zu überreden. Dies galt selbst dann, wenn ich im Recht war. Nach einer Weile versuchte ich es erneut:

« Aber... weißt du ... wenn wir uns nicht wehren, wird es niemals aufhören? Wir haben nur diese eine Chance und die, das siehst du doch bestimmt ein, sollten wir nutzen! Entweder bringt es was, mit ihnen zu reden, oder auch nicht. Wenn es etwas verändert, ist es gut. Und wenn nicht, dann haben wir es wenigstens versucht! Wir könnten zwar auch zum Jugendamt gehen, aber da muss ich unserem Vater Recht geben. Das ist keine so gute Idee. Nachher stecken die uns in ein Heim. Nein, wir müssen versuchen, unsere Probleme selbst in den Griff zu kriegen. »

Ich kam mir vor wie ein Idiot. Stand hier herum und textete ihn voll, obwohl er bereits deutlich geäußert hatte, was er davon hielt. Aber: Es war mir äußerst wichtig, dass er verstand, was für uns davon abhing.

« Außerdem bin ich der Meinung, wir sollten es nicht weiter aufschieben. Ob wir uns heute darum kümmern oder in zwei Wochen, oder Jahren, macht ja gar keinen Unterschied... Das Thema muss auf den Tisch. Ja! Vielleicht bekommen wir dafür die Hucke voll, aber …na und? Das bekommen wir doch sowieso immer! Ob einmal mehr oder weniger, das macht doch jetzt eigentlich gar keinen Unterschied mehr. Oder? »

Er schwieg sich weiterhin aus, hörte mir aber wenigstens zu.

« Und, weißt du was? Mir ist es lieber, wenn es heute passiert. Denn das könnte bedeuten, dass es jetzt aufhört und nicht erst in zwei Wochen - oder Jahren. »

Ich hatte Recht, das musste er einfach einsehen. Er brauchte nur etwas Mut.

« Gut. Hör zu. Zur Not ziehe ich das Ding allein durch, wenn es sein muss. In Ordnung? Du brauchst gar nichts zu sagen, ich rede für uns beide. Das schaffe ich. Aber eines ist wichtig: Stell dich nicht gegen mich. Wenn dabei irgendwie heraus kommt, dass ich hier die Einzige bin, die sich beschwert, kommt das nicht gut an. Dann geht es schief. Lass mich bitte nicht im Stich, ja? Du musst mir nur eines versprechen: Sei an meiner Seite, wenn es drauf ankommt. Stell dich nicht gegen mich. Das ist wichtig, weil es sonst nicht funktionieren wird. »

Er nahm ein Geschirrtuch, trocknete sich die Hände ab. Drehte sich erneut zu mir um. Ha! Innerlich atmete ich die tausend Tode aus, die ich während dieses Gesprächs bereits gestorben war.

« Okay? »

Er nickte langsam, streckte seine Hand aus. Ich ergriff sie.

Deal.

« Okay. »

Als unsere Mutter nach Hause kam, schlug ich geheimnisvoll vor, eine unserer "Familienversammlungen" einzuberufen. Es funktionierte. Alle vier setzten wir uns zusammen an den Küchentisch. Ich eröffnete: Körperliche Gewalt als Erziehungsmethode sei bereits vollkommen aus der Mode und in unserem Fall auch nicht mehr fruchtbar einzusetzen. Den einzigen Effekt, der damit erzielt werden könne, wäre die von uns als solches empfundene Demütigung. Ich sah meinen Bruder an. Er nickte mir, wenn auch extrem vorsichtig, zu.

« Jetzt gehts aber los. »

Von ihrem ersten Schreck hatte sie sich aber schnell erholt!

« Ich glaub, es hackt!! »

Mein Bruder hatte schon Recht - mit Dynamit sollte man nicht spielen.

« Das schlägt ja wohl dem Fass den Boden aus. Was fällt Euch überhaupt ein? Erst tun sie so scheinheilig, und jetzt das. Familienversammung! Und dann so was! Ich glaub ich spinne! Ab in eure Zimmer! Aber schnell! Das wird noch ein Nachspiel haben, meine Freunde, das sag ich euch… »

Nun war es soweit. Sie war sauer und wollte nichts mehr davon hören. Das war schnell gegangen. Ganz unverhofft aber erhielten wir in diesem Augenblick von Seiten ihres Lebensgefährten konstruktiv Unterstützung. Resolut sagte er zu ihr:

« Ganz ruhig. Jetzt sei doch mal still und hör erst einmal zu. »

Mir fiel ein Stein vom Herzen. Mit dieser Reaktion ihrerseits war zu rechnen gewesen. Nun aber war sie fassungslos verstummt. Das war gut. Ich brauchte Mut. Den hatte mir meine verzweifelte Wut verliehen. Ich brauchte Hoffnung. Diese erhielt ich durch den Beistand meines Bruders. Und ich brauchte Zeit, um zum Ausdruck zu bringen, was uns auf dem Herzen lag. Diese hatte ich jetzt durch den Einwand meines Stiefvaters zugespielt bekommen. Das im selbstgerechten Zorn aufgeblähte Muttertier sackte in sich zusammen wie ein mit dem Holzstäbchen gepiekter Kuchen und warf daraufhin erst einmal nur noch mit verkniffenen Blicken, aber wenigstens eine Zeit lang nicht mehr mit schlimmen Worten um sich.

Es folgte eine ausführliche, durch gelegentliche Zwischenfragen meines Stiefvaters unterbrochene Ansprache. Lange noch behielt das Muttertier die typisch mauernde, lauernde, geduckte Körperhaltung mit den zusammengekniffenen Augen26 bei. Bis ich zu dem Punkt kam, an welchem ich darüber berichtete, sogar den Vater um Hilfe gebeten zu haben. Hatte er mir durch seine Machtlosigkeit, uns nicht helfen zu können, doch noch ungewollt ein Ass in den Ärmel gespielt: Es bereitete ihr stille Genugtuung, zu hören, dass er doch nicht so allmächtig war, wie er immer tat. Ha! Sie hatte es doch gewusst! Ihn vermeintlich zu demütigen, fiel es ihr plötzlich ein leichtes, auf unsere Forderungen einzugehen. Sich mit uns zu solidarisieren gab ihr das Gefühl, ihm damit eins ausgewischt zu haben. Das gefielt ihr. Auf einmal konnte sie wieder kerzengerade sitzen und nahm uns ernst. Der glorreiche Sieg über den Ex, das musste gefeiert werden. Wie war noch gleich unser Begehr?

Na: Wir wollten einfach keine Schläge mehr!

Ouh... Das war keine Kleinigkeit.

« Aber womit soll ich euch denn dann erziehen? Dann habe ich ja gar nichts mehr, womit ich euch daran hindern kann, Blödsinn zu machen! »

« Wir machen keinen Blödsinn. Wir sind ganz lieb. »

Ich sah meinen Bruder an.

« Ne?? » fragte ich in seine Richtung.

Er nickte eifrig, hob die Hand zum Schwur.

« Wir geloben, nie wieder Scheiße zu bauen! »

Der Stiefvater lachte. Na, das war vielleicht etwas dick aufgetragen.

« Wir geloben, auch ohne schlimme Strafen nicht mehr Scheiße zu bauen als vorher? » ergänzte ich.

« Versprochen? Ihr seit nicht frech? Macht eure Hausaufgaben?? Helft im Haushalt? » rief sie ungläubig aus.

« Ja! Jawohl! » salutierten wir im Chor.

« Aber was, wenn nicht...?? »

« Das wird nicht passieren. »

« Hmm... Gut. Probieren wir es aus. » murmelte sie äußerst nachdenklich. Kaum zu übersehen, dass sie nicht einverstanden war und jede sich ihr bietende Gelegenheit nutzen würde, um diese Vereinbarung mit sofortiger Wirkung aufzukündigen. Trotzdem.

Wir jubelten.

« Stop! » brach es, nun wieder eindeutig autoritär, aus ihr heraus.

Wir verstummten augenblicklich.

« Also: Wenn es funktioniert, dann bin ich einverstanden. Aber wenn nicht... » drohte sie mit ihrem Zeigefinger.

« Wir werden ganz brav sein » versprachen wir noch einmal.

« Na das wollen wir doch mal sehen. »

Vor Freude lachend, quiekend und hüpfend rannten wir in unsere Zimmer. Keine Schläge mehr! Keine Schläge mehr! Keine Schläge...

 

Ihrer Ansicht nach war nur die Angst vor Strafe das Einzige, was unsere unbeherrschte Leidenschaft, Böses zu tun, im Zaum zu halten vermochte. Ein ziemlich krasser Irrglaube, nach dem allerdings äußerst viele Menschen ihre Beziehungen zueinander ausrichten. Dabei wird felsenfest davon ausgegangen, dass jeder einzelne von Grund auf schlecht wäre, falls kein wie auch immer gearteter Zwangsapparat einen zum zivilisierten Miteinander dirigierte. Warum pflanzt man Menschen so eine absurde Idee in den Kopf? Das Gegenteil ist der Fall! Fällt die Terrorherrschaft der MGA´s weg, können sich die Menschen deutlich besser mit einander arrangieren.27 Regeln sind als Hilfe zur Orientierung zwar durchaus von gewissem Nutzen - dienen aber meist nur, die Interessen einzelner (auf Kosten anderer) durchzusetzen. Da sie genau das üblicherweise zu tun pflegen, sind es meist diese Einzelnen, die sich als Gesetzesmacher und Hüter aufspielen und auf ihre Einhaltung pochen. In unserem Fall war es die in ihrer hilflosen Angst um sich schlagende Mutter, die auf ihre Macht des Stärkeren pochte, ohne welche sie sich verloren glaubte.

 

Das eigentliche Problem aber war nicht die Gewalt. Diese wurde nämlich nicht als alleiniges Mittel zur Bestrafung zum Einsatz gebracht, sondern hing vielmehr ausschließlich von ihren (sehr unberechenbaren) Launen ab. Ich erinnere mich recht deutlich, dass über lange Zeit das einzige Gefühl, welches ich empfand, wenn ich an meine Mutter dachte, die Angst gewesen ist. Bei ihr fehlte einfach das richtige Maß! Nie konnte man sicher sein, wann und wie viel Terror es als nächstes geben würde, so dass ich immer froh war, wenn sich die Gelegenheit ergab, nicht in ihrer Nähe zu sein. Selbst in die Schule zu gehen erschien mir in diesem Augenblick als Befreiung. Nach Hause zu kommen, löste Angstzustände aus. Emotionen gestalten sich sehr unberechenbar, steuern aber menschliches Verhalten. Es war vollkommen gleichgültig, ob ich mich besonders brav und angepasst verhielt oder nicht. Ein sich-Bemühen half überhaupt nicht. Dafür, ob ich nun ein böses Kind war, das Strafe verdiente, oder ein liebes, welches geliebt und gelobt werden würde; es gab keinen wie auch immer gearteten Kontrollmechanimus. Vollkommen unabhängig davon, wie ich mich verhielt: Die Mutter fand, wenn sie mies drauf war, immer einen Grund, sich an einem abzuarbeiten.

 

Jemanden als Führungsperson ernst nehmen zu können, beinhaltet für mich nicht, dass jemand aus einer Laune heraus die Hand erhebt. Der Trugschluss aber, dass ein Verzicht auf Handgreiflichkeiten das Zusammenleben für uns vereinfachen würde, sollte uns bald gewahr werden. Unser Versprechen, nicht frecher zu sein als sonst28 - das konnten wir problemlos erfüllen. Schließlich waren wir nicht der vielen Züchtigungen wegen so brav, wie wir es waren. Fielen die Schläge weg, würde es uns deshalb nicht an irgendetwas fehlen. Ihr aber fehlte etwas: Ihr Frust-Ableiter war nicht mehr da! Leider verhielt es sich nun so: Was sie uns mit körperlicher Gewalt nicht mehr antun konnte, ersetzte der bald darauf einsetzende Psychoterror.29 Alles an ihr wurde zu einem personifizierten Vorwurf, was die Situation insgesamt für uns noch viel schwieriger machte. Da waren die regelmäßig verteilten Ohrfeigen und der ganze Quatsch tatsächlich noch das kleinere Übel gewesen.

 

Nach dem Abschluss der Grundschule hatte man mich mit einer Hauptschulempfehlung versehen. Die Lehrerin, welche mich von der ersten bis zur vierten Klasse hätte unterrichten sollen, hat mich gehasst: wie konnte jemand gleichzeitig so klug und trotzdem so ein hirnverbrannter Idiot sein, wie ich einer war. Das ging aus ihrer Sicht nicht mit rechten Dingen zu und musste auf jeden Fall bestraft werden.30 An einen gravierenden Vorfall kann ich mich noch sehr gut erinnern: Da hatte mir meine Lehrerin in einem als gelungen zu bezeichnenden Aufsatz viele Rechtschreibfehler angekreidet, die gar keine waren, nur um diesen nicht entsprechend würdigen zu müssen. Meine Mutter hatte sich darüber sehr aufgeregt und sogar in Erwägung gezogen, sich zu beschweren, - schließlich war das nicht der einzige Vorfall dieser Art. Richtige (und oberkluge) Antworten im Unterricht, mit welchen ich meine Lehrerin verärgerte, wurden als falsch deklariert31 und ich vor den anderen Kindern - von deren ausgewiesenem Vorbild, ihrer Klassenlehrerin - gemobbt. Das Resultat zeigte sich bald darin, dass meine Klassenkameraden dabei mitzumachen begannen. Unglaublich. Strafen & Gesichter der Diskriminierung entbehrten jeglicher Grundlage und erschienen als Ausdruck reiner Willkür. Mein Fehler: Ich war klug. Dem allgemeinen gesellschaftlichen Konsens nach war das so aber nicht in Ordnung. Gebildet hatten nur die Lehrer zu sein.32 Kinder, insbesondere Schüler, waren dumm - das wussten doch alle! Warum verstand ich das nicht? Wusste ich mal wieder etwas besser, zeigte ich mich damit, und das wahrscheinlich auch noch vorsätzlich (schließlich wusste ich doch, was ich falsch mache) unangepasst. Das Muttertier sorgte für Ordnung: eine Hauptschulempfehlung also. Mit dieser wurde ich dann zum Gymnasium überwiesen.

 

An der Tatsache, dass die Mitschüler33 mich hänselten, änderte sich auch nach dem Schulwechsel von der Grundschule auf die Weiterführende nicht viel. Im Gegenteil! Nur die Methoden änderten sich. Es war jetzt deutlich schwieriger, sie zu durchschauen.

Meine Bücher mutierten zur Überlebensstrategie. Ich las nur noch, schloss mich ein, lebte in meiner ganz eigenen Welt. Selten war ich mit meinen wenigen Freunden unterwegs.34 Sobald ich ein Buch aufgeschlagen hatte, bekam ich einen hochroten Kopf und war nicht mehr ansprechbar. Dann gab es keinen Hunger, keinen Durst und keinen Gang zur Toilette mehr. Selbst ein Erdbeben hätte mich nicht losreißen können. Mein Stiefvater wunderte sich über die Schnelligkeit, mit der ich las. Oft scannte ich den Text bloß und blätterte nach kurzer Zeit schon wieder eine Seite um, so dass er mir unterstellte, ich würde die Geschichte gar nicht erst lesen. Als er mich jedoch nach Inhalten befragte, konnte ich ihm darüber berichten, was ihn eine heiße Diskussion darüber mit der Mutter anstimmen ließ.

 

Soviel ich mir auch an-studierte: Im krassen Gegensatz hierzu stand die mir zu eigene ausgeprägte soziale Inkompetenz. Aus diesem Grunde pendelten sich die Schulnoten eher im Mittelfeld ein. Die Herausforderung des Gymmis bestand für mich sicher nicht darin, den verblödenden Schulstoff interessant zu finden. Ich hatte ganz andere Probleme, zB. mir die Zeit zu vertreiben, bevor ich vor lauter Langeweile starb. Im Unterricht arbeitete ich gar nicht erst mit. Die Notwendigkeit, irgendwie "dazugehören" zu müssen, sah ich zwar ein, wusste aber gar nicht, wie das funktionieren sollte. Dazu gehörte unter anderem auch, dazugehören zu wollen. Wollte ich das denn überhaupt? Für die anderen, die sich in kleinen Pulks zusammenkletteten und niemals irgendwo allein hingingen, war das keine Frage. Und für mich? Ich gehörte nicht dazu. Selbst wenn ich gewollt hätte, gäbe es immer noch das „Wie“. Eine theoretische Überlegung, deren Beantwortung mich interessierte: Bedeutete es Schutz, sich innerhalb von Gruppen zu bewegen? Ja. Das wär was - nicht dauernd Angst haben zu müssen vor irgendwelchen Übergriffen.

 

Bei mir fehlte nicht nur die dafür notwendige Motivation, mich an den nach wie vor üblichen für mich weiterhin vollkommen unverständlichen Mutter-Vater-Kind-Spielen zu beteiligen, sondern auch die Markenkleidung. Modetrends hinterher zu hängen fand ich albern, mitreden konnte ich sowieso nicht. Dazu fehlte mir das Verständnis für den tieferen Sinn dieser Art "Gespräche". Also beteiligte ich mich nicht daran. Wenn ich denn tatsächlich einmal auf die Idee kam, meinen Mund aufzumachen, hörte es sowieso keiner. Meine Stimme war viel zu leise, teilweise vollkommen tonlos. In gewissem Stimme war sie so wie ich: nicht vorhanden. Ob ich etwas sagte oder nicht, spielte gar keine Rolle.

 

Missachtung ist eine der konstanten Größen in meinem Leben. Oft kommt es mir vor, als sei ich ein Geist, den man weder hören noch sehen kann. Im Sportunterricht gehörte ich nicht nur zu denen, die als Letzte noch dastanden, weil keiner sie in seiner Mannschaft haben wollte. Meistens waren das ja die dicken, unsportlichen oder eben ganz besonders unbeliebten - bei denen sich dann darum gestritten wurde, wer sie nehmen musste. Ich stand zwar auch als Letzte noch da, aber nur, weil man mich übersah. Sich über mich zu streiten - hätte ja bedeutet, dass man mich wahrgenommen hätte. Da der Sportlehrer diesen unglaublichen Vorgang meist selbst nicht mitbekam - und auch keiner korrigierend eingriff, ging man regelmäßig einfach nahtlos dazu über, das jeweilige Spiel zu spielen, während ich dastand wie bestellt und nicht abgeholt.

 

Ich wurde zwar oft geschlagen, aber austeilen - …? Meine Hemmung, andere zu verletzen, war dafür einfach viel zu groß. Also bat ich, während sie mir das Gesicht zerkratzten, mich bespuckten, traten oder an den Haaren zogen, immer nur darum, doch bitte damit aufzuhören. Besonders gern bestahlen sie mich, wofür mich zu Hause dann, wenn es herauskam, empfindliche Strafen erwarteten. Sogar meine "Freundinnen" beteiligten sich an diesem Spiel. Woraus ich lernte, dass sie nur deshalb mit mir befreundet gewesen waren, weil sie gerade keinen anderen gehabt hatten, der mit ihnen Zeit verbringen wollte.35 Nicht alle waren so, aber auch das gehörte zu diesen Gesetzmäßigkeiten in meinem Leben - es stellt eine grundsätzliche Erfahrung dar.

 

Also hatte ich viele mir zugewiesene Rollen: Ich war nicht nur Buhmann, Prügeldummi oder einfach unsichtbar, sondern auch Lückenbüßer. Gegenwehr fand nicht statt. Wobei ich mich durchaus des öfteren schützend vor meinen kleinen Bruder stellte. Da er klein war und einen dicken Bauch hatte, wurde er von ortsansässigen Schlägerkindern gern als das ideale Opfer auserkoren. Außerdem war er schlau, was provozierte. Was sie nicht wussten, war, dass sie in dem Augenblick nicht nur mit Beulen und Blessuren drohten, sondern sein Leben in Gefahr brachten. Denn er war nicht einfach nur dick: seine inneren Organe waren in ihrer Funktion beeinträchtigt. Um ihn vor eventuellen, nicht wieder gut zu machendem Schaden zu bewahren, stellte ich mich auch einer Überzahl von Gegnern zu allem entschlossen in den Weg. Aber mich selbst beschützen? Nö. Das war etwas anderes. Mein persönliches Wohlbefinden war mir nicht wichtig genug, um dafür zur Gewalt zu greifen.

 

Als ich noch zur Grundschule ging, hatte mein Vater mir empfohlen, die anderen Kinder einfach zu „ignorieren“. Dann würden sie schon von allein damit aufhören, mich zu ärgern. Aber immer, wenn ich versuchte, meine Tränen herunter zu schlucken und statt dessen tapfer zu lächeln, spornte sie das meist noch zu gemeineren Taten weiter an. Zu Beginn war ich eher eine kleine graue Maus, still und leise. Im Verlauf der Zeit und auch mit dem Wechsel auf das Gymnasium kam irgendwann, ein paar Jahre später, ein neues Verhalten zum Vorschein: Ärgerlich und LAUT. Dies fiel dann doch auf und gab auch Anlass zu Gerede. Aus meiner anerkannten, mir zugewiesenen Rolle36 auszusteigen, das war wie... als habe sich Sylvester Stallone einer Geschlechtsumwandlung unterzogen oder die Queen ein Nasenpiercing verpasst. Unvorstellbar. Das kleine graue Mäuslein auf den Barrikaden - das passte einfach nicht.

 

Eine bis heute für mich unüberwindbare Hürde: ich setzte ein Verständnis seitens der Gesellschaft für mein Verhalten voraus, welches für diese aber keineswegs verpflichtend war. Es überforderte ihr Weltverständnis - in welchem ich ein Schwächling war. Mit den Schülern der Parallelklasse kam ich überraschenderweise unerwartet gut aus. Sie behandelten mich mit dem Respekt, mit dem man einen Mitmenschen eben behandeln sollte. Hatten wohl noch nicht mitgekriegt, dass ich zu den Untermenschen gehörte! Die Gepflogenheiten meiner Mitschüler (und sogar eines Teils der Lehrer), solche Rollen zu verteilen, waren ihnen gänzlich unbekannt. Was ich daraus lernte: es lag nicht nur an mir, sondern an der Gruppendynamik. Auch hier waren es die Lehrer gewesen, welche gerne einzelne Schüler „aufs Korn“ nahmen, um an Ihnen ein Exempel ihrer allumfassenden Macht zu demonstrieren. Das macht Schule!

 

Als ich langsam der Rolle von Durchsetzungsvermögen für menschliche Beziehungen auf die Spur kam, fing ich an, dies gezielt einzustudieren. Welcher Spielplatz eignet sich dazu mehr als der Ort in Köln, an dem auch außerhalb von Weihnachtsmarkt-Zeiten täglich die größten Menschenmengen zusammenkommen? Unendliche Massen von aggressiv-genervten Einkaufstüten-Bewehrten, die sich unter Einsatz ihres Ellenbogens gegenseitig durch die Gegend schoben. Diesen Ort wählte ich ganz bewusst, um eine krisenfeste Haltung einzustudieren. Mein Exerzitium sah so aus: Wenn ich aufgrund meiner Körpersprache Menschen dazu bringen konnte, mir dort, wo ich gerade ging, Platz zu machen, hatte ich es drauf. So lange würde ich einfach üben, üben, üben. Mehrere Tage verbrachte ich damit, immer wieder auf der Schildergasse vom Neumarkt bis zum Dom hin,- und wieder zurück zu pilgern.37 Dass das irgendwann sogar so, wie ich es geplant hatte, funktionierte, war eine beeindruckende Erfahrung. Statt mich wie gewohnt umzurennen, hielten die Menschen doch glatt einen Meter Abstand von mir! Sie bildeten eine Gasse für mich, wichen mir, einem 12 jährigen, dürren, kleinen & unscheinbaren Mädchen respektvoll aus! Die Wirkung, die die Körpersprache auf andere Menschen hat, war mir einfach lange nicht bewusst gewesen. Das war der Schlüssel - jetzt hatte ich ihn endlich gefunden! Erhobenen Hauptes warf ich einen letzten Blick auf den immer am Eingang der Schildergasse stehenden Straßenzeitungsanpreiser, erfüllt von Stolz und Dankbarkeit, diese erstaunliche Erfahrung gemacht haben zu dürfen.

 

Doch ich hatte die Rechnung nicht mit der Macht der Gewohnheit gemacht. Meine Mitschüler dachten gar nicht daran, mich zu respektieren. Ich war ihr Dummie und sollte für immer ihr Dummie bleiben. Für mein neu erfundenes Selbstbewusstsein wurde ich bloß doppelt abgestraft. An dieser Stelle wusste mir nicht anders zu helfen, als mich wieder in mein Schneckenhäuschen zu verziehen und in Phantasiefiguren Trost zu suchen. Das Lesen von Büchern wurde zu einem Verschlingen. Dass auch das Anlass zu Spott gab, war egal. Aus der Stadtbibliothek nahm ich so viel Lesestoff in die Schule mit, wie ich nur konnte. Am besten gleich diese dicken Schinken ab fünfhundert Seiten aufwärts. Sonst reichte es nachher nicht bis zur letzten Stunde, Desaster! Einmal vielleicht nicht ausreichend mit Literatur versorgt zu sein, gab Anlass zur Panik. Kampflesen unter dem Pult, jeden einzelnen verdammten Tag, den ich dort verbringen musste.

 

Den Lehrern muss zwar aufgefallen sein, dass ich mehr unterm Tisch als auf ihm "arbeitete", aber solange das ihren Unterricht nicht störte, war denen alles egal. Die meiste Zeit hatte ich - wenn überhaupt etwas - ausschließlich Blödsinn im Kopf, spielte von allen unbemerkt irgendwelche verrückten Streiche. Vom Unterricht bekam ich überhaupt gar nichts mit, hielt aber, zum großen Erstaunen der Mutter, ohne große Mühe den Durchschnitt. Die nämlich hatte geglaubt, dass ich es ohne ihre fürsorglichen körperlichen Züchtigungen nicht schaffen würde, so zu funktionieren, wie es sich für ein anständiges Kind gehörte. Bemerkenswert fand sie, dass sich meine schulischen Leistungen durch ihr Nicht-Einmischen sogar plötzlich deutlich verbesserten. Ich machte meine Hausaufgaben, fand eigene Interessen heraus und entdeckte Begabungen.

 

Pferde. Woche für Woche stemmte ich die mehrere Stunden andauernde Reise bis zum Reittherapiezentrum bei jedem Wetter. Sie haben mich gerettet. Bei Ihnen fand ich Wärme und Geborgenheit, Zuneigung. Tiere verstellen sich nicht. Diese Wärme war echt. In den schwersten Zeiten vermochten nur sie mir Trost zu spenden. Wir verrieten uns gegenseitig unsere Geheimnisse und kuschelten dabei ausgiebig.

 

Als bald schon überraschend seitens des Vaters das Angebot kam, zu ihm zu ziehen, waren wir weg:

 

Mitte 1991 zogen wir glücklich mit Sack und Pack ab - ins gelobte Land.

 

 

1(Wir tragen oft, und zwar ohne uns dabei vorher abzusprechen, exakt die gleiche Kleidung)

2(meine Hebamme, Therese Schlundt, hat tatsächlich über ihre Arbeit als helfende Hand bei Hausgeburten ein lesenswertes Buch geschrieben)

3 (Ein Hahn: je nach Wetterlage zeigte er eine andere Farbe: bei Regen rosa, bei Sonne blau)

4 (sich an doofe Sachen gar nicht zu erinnern, ist vielleicht auch ganz gut)

5 (Ihr Kodex gilt bis heute: nur Eingeschworene haben näheren Zutritt)

6 (sondern nur noch über mich - wenn man der Meinung war, dass ich es nicht hören konnte)

7(da hatte ich tatsächlich noch nie drüber nachgedacht!)

8 (trotzdem brauche ich oft irre lange Zeit, um einen Situationskontext zu begreifen, weil ich mir einfach ALLES merke, und nie weiss, welche Informationen von Relevanz sind und welche nicht)

9 (fragte ich an dieser Stelle nach, was ich falsch mache oder richtiger machen könne, war die Antwort -ein Leben lang- immer dieselbe: "das weißt du schon ganz genau". Ein für alle mal: NEIN ich weiß es NICHT!!! Und schon gar nicht genau! Da ich definitiv aufs Raten angewiesen bin, ist das eine ganz blöde Antwort)

10 („Du kannst es doch!“ , „Warum machst du es mit Absicht falsch!“)

11 (Mobbing: Was wir für unnötige Grausamkeit halten, ist eigentlich nur der etwas unglückliche Versuch, herauszufinden, was in einem steckt)

12 (welche gesellschaftlich höher bewertet wird als Logik und Vernunft)

13 (Status => ungehinderter Zugriff auf Ressourcen => Überleben)

14 (Gegenwehr => bedroht Status => „rechtfertigt“ Gewaltanwendung)

15 (sei es auch nur unter dem eigenen Unvermögen)

16 (Windschattenfahrer! Das sind diejenigen, die ich für wirklich gefährlich halte. Ohne die hirnlose Masse der Mitläufer wären so manche Missetaten von Missetätern ohne Chance, überhaupt jemals verübt zu werden)

17 (Was ist ein Kriegsherr ohne legitimes Feindbild?)

18 (fragte man nach jemandes Meinung, reagierten sie alle gleich: mit unverhohlenem Misstrauen – so als stellte es ein Verbrechen dar, eigene Ansichten zu vertreten)

19(bzw. der Versuch, dies eigentlich möglichst zu vermeiden)

20 (die Fähigkeit zur Imagination ist bei mir überverhältnismäßig stark ausgeprägt. Beim Hören einer ganz normalen Metapher wie z.B.: "Ich werfe mich in Schale" oder "Aus allen zu Wolken fallen" muss ich lachen. In meinem Kopf scheint ein Clown zu sitzen: Sofort habe ich ein Bild vor Augen. Weil amüsantes Kopfkino läuft, kichere ich während ganz normaler Gespräche oft vor mich hin)

21 (mein Stiefvater hat ihn mir geschenkt, als ich acht Jahre alt wurde)

22 (Schiller kann man nur lieben!)

23 (später erfand ich sowohl ein eigenes Alphabet, als auch eine eigene Sprache. Das eine, um Tagebucheinträge zu chiffrieren und das andere, weil ich meinte, dass die regulär gesprochene Sprache zur Verständigung untereinander nicht ausreichte)

24 (An dieser Stelle sollte deutlich gemacht werden, dass wir über ein für die damalige Zeit vorbildliches Elternhaus verfügten. Kindern gegenüber zu Formen von physischer Gewalt zu greifen, das hieß damals "Erziehung". In Deutschland hat es sogar mal eine Zeit gegeben, in welcher es als ein Fehlverhalten galt, seine Kinder nicht körperlich zu züchtigen. Dafür wurde man schief angesehen!)

25 (das hatte sich tief eingeprägt: alles war kaputt gegangen, nicht nur ihre Ehe, sondern auch meine Welt)

26 (welche Blitze umher zu schießen schienen)

27 (da sie es oft gar nicht gelernt haben, müssen viele (ihr Hirn einsetzen) meist erst noch ein bisschen üben)

28 (eher lieber, wir würden uns hüten, unseren neuen Seelenfrieden aufs Spiel zu setzen!)

29 (den ich als noch viel grausamer - und im Bezug auf die damit beabsichtigte Demoralisierung deutlich wirkungsvoller - empfand. Man glaubt gar nicht, um wie viel intensiver psychische Gewalt schmerzen kann als physische)

30 (das tun Lehrer übrigens sehr gern - die ihnen verliehene Macht missbrauchen. Zum Beispiel, indem sie ihrer Vorbildfunktion durch ein Bloßstellen sozial schwächer gestellter Kinder (vor Publikum) gerecht werden oder: indem sie im Unterricht gezielt Schüler ausgrenzen - selbstverständlich mit anschließendem Verteilen von schlechten Noten)

31 (z.B. war „Pubertät“ in der Zweiten Klasse meiner Grundschule das falsche Wort dafür, zu benennen, wenn Kinder zu Jugendlichen und langsam erwachsen werden. Das heißt nun nicht mehr Pubertät, sondern „Reifezeit“ - Setzen, 6)

32 (und, wenn man dieses Glück sein eigen nennen durfte: die Kinder der Reichen und Schönen)

33 (übrigens weiterhin im trauten Einvernehmen mit einem Großteil der Lehrer)

34 (die sich meistens aus dem sogenannten "Bodensatz der Gesellschaft" heraus rekrutierten, also die eindeutig "bessere Hälfte" der Menschheit stellten für mich jene dar, denen ein aufrichtiges Gegenüber mit Herz wichtiger war als das Konto ihrer Eltern oder die Markenkleidung, welche sie kennzeichnete)

35 (fanden sie dann heraus, dass ich zu den Untermenschen gehörte, passten sich ihre Verhaltensweisen dementsprechend an)

36(den Mund zu halten und alles herunterzuschlucken)

37 (Der blanke Horror, total anstrengend)



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