II.

  1. Zähne zeigen Charakter

  2. die goldene (Faust) Regel

     

     

    Kindheit als Krankheit. Jeder hat sie, oder zumindest gehabt.

    Diesem Glaubensbekenntnis nach darf ein jeder, dem man darüber etwas zu berichten hat, sich daraufhin anmaßen, psychologisch versiert nach Belieben darüber hinweg zu stempeln, wie Gott es ihm befiehlt.

     

    Langweilig! Unsere Kindheit verlief vollkommen normal. Das Muttertier erzählte Geschichten, sang Einschlaflieder, bekochte und schleppte uns überall hin. Laternenumzug, Schwimmkurs, Stadtranderholung. Sie schickte uns zum Spielen nach draußen, unterwies in der Kunst des Zähneputzens. Dank ihres Talents gelang es, dem Töchterchen das Nägelkauen, Lispeln und andere skurrile Eigenarten abzugewöhnen. Den Erziehungsprozess unterstützende Schläge, welche selbstverständlich auch bei uns nicht fehlen durften: damaliges Standardrepertoire moderner Kindererziehung.

     

    Obwohl sie oftmals sogar richtig liegen kann, zeigt dieser Fall doch vor allen Dingen eins: die Grenzen der Psychologie. Ein ans Tageslicht gezerrtes Kindheitsdrama ist nicht immer für alles eine Lösung.

     

    Viele Probleme ergaben sich fast ausschließlich aus meinem Anders-sein: Keiner hielt sich (so wie ich) dauernd die Ohren zu - Geräuschkulissen, die andere sogar genießen konnten? Für mich waren sie schmerzhaft. Regelmäßig gab es Momente, in denen Gerüche einen heftigen Würgereflex auslösten. Man schimpfte mich „Sensibelchen“, wusste aber nicht anders darauf zu reagieren, als es zu verachten. Auf Stress (der niemals endete) reagierte ich mit (niemals enden wollenden) Erkrankungen. Selbst die Gewalt hatte keinen, wie gewünscht, korrigierenden Effekt.

     

    Am liebsten allein, widmete ich mich hingebungsvoll dem jeweilig auserkorenen Hobby1. Die Natur entwickelte sich für mich zu einem zweiten Zuhause. Davon gab es jetzt viel. Des Vaters zweite Wahl lebte auf dem Land. Auch hier zeigte sich das Anders-Dasein: Welches Kind träumt, während es sich den ganzen Tag mutterseelenallein im Wald aufhält, davon, den Rest seines Lebens als Eremit auf einem einsamen Berg zu verbringen?

    Schon lange war mir klar geworden, dass etwas mit mir nicht stimmte. In der alten Heimat hatte ich darüber bereits Beobachtungen angestellt: Was war am Mensch-sein eigentlich so kompliziert? Während alle um mich herum immerzu nach Gesellschaft suchten, blieb ich lieber allein. Andere wiederum schienen sich erst dann richtig wohlzufühlen, wenn sie unter ihresgleichen waren.2 Anschluss zu finden gestaltete sich problematisch: Die Regeln, nach denen Zusammenkünfte stattfanden, beherrschte ich nicht einmal ansatzweise.

     

    Ab sofort gingen wir in genau die Schule, in der die Stiefmutter an unschuldigen Schülern (&Innen) ihren Lehrerjob verübte. Auf einmal erlebte ich etwas vollkommen Neues: Erstmalig in meinem Leben wurde ich nicht mehr gehänselt. In Abwesenheit des Vertrauten verunsicherte mich daran im ersten Augenblick daran nur, dass es keine Übergriffe mehr gab… Natürlich bedeutete es weniger Probleme, was als positiv zu bewerten war. Unwillkürlich fragte ich mich, ob altbekannte Muster nicht bald wieder die Oberhand gewinnen würden.

     

    Meine eigene Spezies hatte sich als feindselig herausgestellt - ganz genau. Trotzdem stellte dies eine einmalige Gelegenheit dafür dar, herauszufinden, ob es nicht auch irgendwie anders ging. Allmählich an die Abwesenheit von Tritten und höhnischen Bemerkungen gewöhnt, brachten mir bald darauf der Mut und mein Selbstbewusstsein eher Vor-, als Nachteile ein.3 Ein paar der Jugendlichen empfanden mich sogar als „cool“. Forderte mich jemand allen ernstes heraus, erkundigte ich mich höflich nach der Möglichkeit einer Auseinandersetzung vor Publikum. Selbst wenn ich mir im Rahmen einer echten Prügelei kaum irgendwelche Chancen auf einen Sieg ausgerechnet hatte: den Spaß sollte sich schließlich keiner entgehen lassen. Rückkrad zu zeigen, lohnte sich. Die wenigen Sticheleien hörten auf. Ich war ein bisschen anders, wurde aber plötzlich akzeptiert.

     

    Wie ich bei der Gelegenheit herausfand, konnten Übergriffe auch unter einer bewussten Miteinbeziehung des Erziehungspersonals stattfinden. Es gab MGAs, die rochen es direkt, wenn es galt, anstatt auf die offensive Version der ausgeübten Gewalt auf ein nicht so offensichtliches um-drei-Ecken-herum-Piesacken zu setzen. Äußerst geschickt wurde heimlich und still und leise provoziert, um dann- bei der bereits sehnlichst erwarteten Gegenwehr das Ziel der Gängeleien vor Publikum an den Pranger zu stellen:

    Schau doch, wie schrecklich du dich benimmst.

    Bis zum Erreichen ihrer Ziele zogen die Wölfe hierbei ein Schafskostüm über, jammerten und schrien laut in ihrer Opferhaltung.4

     

    Intrigen stellten eine neue Dimension des Mobbings dar. Eine, gegen die ich mich nie gelernt habe, mich zu wehren.

    Das Spinnen einer Intrige ist eine Kunst, welche auf das Wirken im Verborgenen setzt.

    Geschickt sich des Instruments der Lüge bedienend besteht sie aus eine Reihe miteinander versponnener Halbwahrheiten und der Hoffnung, andere damit so lange wie möglich an der Nase herumzuführen.

    Hmmhmm..., deshalb also stand das Hinterfragen von Dingen unter Generalverdacht!

    Eine Lüge ist immer nur so viel wert wie derjenige, der sie glaubt.

    Wird das verdunkelnde Element einer bereits gesponnenen Intrige offenbart, kann damit die brennende Zündschnur des Konfliktpotenzials unschädlich gemacht werden. Aus genau diesem Grunde wenden professionelle Spinner sehr viel Energie dafür auf, ihre nützlichen kleinen Geheimnisse vor dem Licht der Aufmerksamkeit allzu vieler Mitwisser zu beschützen.5

     

    Das Problem: Mein Anspruch, die Motivation meiner Mitmenschen verstehen zu wollen, demaskierte viel zu oft deren Betrugsversuche - was den Nutznießern dieser überhaupt nicht recht zu sein schien. Geheimnisse schienen wie gefährliche Tretminen - Zeitbomben, denen, sobald sie aufflogen – und das taten sie immer - alle daran Beteiligten zum Opfer fielen. Das machte mich - als jemand, der alles zu begreifen versuchte - zu einem sogenannten Unruhestifter.

     

    Meiner Ansicht nach dürften viele strittige Fragen innerhalb unserer Gesellschaft aufgeklärt werden können, ohne dass aufgrund dessen jemand zu Schaden kommen würde, ließen die verschiedenen Versionen von "Wahrheit" sich prüfen. Auch ich möchte hinterfragt werden. Habe ich das Gesicht voller Zahnpastareste, würde ich gefragt werden wollen, um welch neue Form des Make-ups es sich dabei handelt.6 Wer möchte sich schon gerne blamieren.7

     

    Leider drücken sich zu viele Menschen bei dem, was sie unter einer Kritik verstehen, oftmals sehr unpräzise aus. Das ist schade. Denn sie stellt eine der tragenden Säulen unserer Gesellschaft dar. Überholte Standpunkte aufzugeben, kann dazu verhelfen, sich weiterzuentwickeln. Stattdessen aber wurde das Infragenstellen an sich zum Feindbild gekürt.

     

    Intrigen setzen auf ihre auf der Verdunklung beruhende Macht. Hier zeigten sich meine Grenzen. Die Kunst der Täuschung beherrschte ich nicht. Diese Art der „Kommunikation“ erschien mir außerordentlich nichtssagend, sie war leer. Hielt jemand es für notwendig, mich zu belügen, ging ich davon aus, auf irgendeine mir nicht näher bekannte Art und Weise betrogen zu werden.

    Was bedeutete: Der sogenannte "gute Ton", aufgrund dessen ein jeder sich wohlzufühlen verpflichtet schien, löste Angst bei mir aus.8 Mein guter Ton bestand daraus, mich (auch dann, wenn es wenig schmeichelhaft war) in Übereinstimmung mit meinen eigenen Überzeugungen zu befinden - was wiederum andere als beängstigend erlebten.

     

    Auseinandersetzungen erfordern Mut. Angst lässt einen zwar unnötige Risiken vermeiden und vorsichtig sein - wird sie jedoch zum Leitmotiv - und lässt einen sein Heil in der Flucht und dem Verschleppen von Problemen suchen, zeigt sich der Vermeidertyp damit als aus gesellschaftlich-hierarchischer Sicht nicht tragfähig. Im Verlauf dieser langfristigen Entwicklung fingen meine Mitmenschen an, mir Respekt entgegenzubringen. Ich lernte: Mit dem Versuch, Dinge unter den Teppich zu kehren wurden Schwierigkeiten nicht wie gewünscht vermieden, sondern erst erschaffen.

     

    Auf die angstvolle Selbstverleugnung der Konfliktscheuen jedoch konnten sich MGAs felsenfest verlassen. So kam zustande, dass diese, sobald sie sich hervortaten, oft ein breites Publikum hinter sich scharten, welches sich völlig gedankenlos mit allem einverstanden erklärte, was ihnen zuvor verordnet worden war. Diesen Kreislauf zu durchbrechen hieß, eine Bereitschaft zur Auseinandersetzung unter Beweis zu stellen. Sich durch ein Vermeiden von Konflikten und ein nicht-Äußern von Kritik eine heile Welt zu erschaffen, funktionierte nicht. Setzte man keine Grenzen, eskalierten Übergriffe endlos.

     

    Die einzig verfügbare Version eines konstruktiven Austausches stellte Aufrichtigkeit dar. Von dieser Linie abzuweichen, entfesselte ein furchtbares Chaos. Das war ein hartes Brot. Bislang war ich immer nur so mitgeschwommen. Die Bemühungen meiner Mitmenschen, mich zu integrieren, waren so weit gediegen, mir den Platz desjenigen zuzuweisen, der in der Hierarchie ganz unten zu stehen hatte.9 Hier stellte ich nun fest, dass mir etwas ganz Entscheidendes fehlte. Um an einer anderen Stelle stehen zu dürfen, mangelte es an etwas Essentiellen: Persönlichkeit.

     

    Vom Nicht-Sein ins Da-Sein. Ein Mensch sollte in vielerlei Hinsicht Kompetenzen aufweisen, - unter anderem darin, streitbar zu sein. Kommunikation stellte nicht gerade meine größte Stärke dar. Nun auch noch Kommunikation unter Stress. Um diese Fähigkeiten einzustudieren, brauchte man Sparringpartner. Woher nehmen? Eltern waren unanfechtbar. Das ging nicht. Sie saßen, so wie Lehrer, Busfahrer und so ein Volk an ihrem „längeren Hebel“, von welchem sie gern Gebrauch machten, um jegliche Kommunikation im Keim zu ersticken.

     

    Klassenkameraden - oder auch mein eigener Bruder, die waren streitbar. Mit so jemandem konnte man den Einsatz von Persönlichkeit gut üben. Zwischen meinem Bruder und mir entwickelte sich eine regelrechte Streitkultur. Unsere Auseinandersetzungen eskalierten auf die Art, dass er nach zahlreichen ausgetauschten verbalen Tiefschlägen brüllend + mit zornrotem Gesicht auf mich losging, während ich seine umherfliegenden Fäuste festhielt und einen irren Lachanfall nach dem anderen bekam.10 Nicht in der Lage zu sein, mir für mein schändliches Verhalten den Hosenboden straff zu ziehen, musste lautstark und tränenreich kommentiert werden, weshalb zu solchen Anlässen regelmäßig die allgemein übliche elterliche Radaubegutachtung anfiel. Man stürzte sich ins Kinderzimmer, fand den Bruder weinend, und mich lachend vor => der Schuldige lag somit klar auf der Hand.

     

    Teils unterbrach man uns schon, bevor wir uns im Zenit unserer Wut kreischend aufeinander stürzen konnten. Eltern. Ständig zerstörten sie unsere Streiterei. Der hierbei erzwungene Frieden gab uns aber nichts, nein, vielmehr nahm er uns etwas. Im Rahmen eines ernstzunehmenden Streits musste man sich ernsthaft um die Aggression bemühen und brauchte eine Weile, bis man in der richtigen Stimmung war, so richtig in die Luft zu gehen. Es war wichtig, die Reihenfolge ungestört einzubehalten, denn sonst galt die Übung als misslungen. Und nun? Kam immer wieder einer an, um von uns zu verlangen, sich „zu benehmen“. Was wir zwar dann auch jedes mal brav taten. Danach konnte aber nicht mehr nahtlos an den tollen Streit von vorher wieder angeknüpft werden. Alle vorher investierte Energie schien verschwendet, das Ergebnis denkbar unbefriedigend. Deshalb baten wir, uns nach gemeinsamer Absprache dahingehend einig, unseren Vater, sich in unsere Streitigkeiten doch bitte nicht mehr einzumischen. Wir brauchten keine Klärung, keine Schlichtung, keinen zu bestrafenden Schuldigen, es war nicht einmal notwendig, dass es Gewinner oder Verlierer geben würde. Wir wollten einfach nur ab und zu mal ordentlich die Sau rauslassen. Als er endlich verstand, worum es uns ging, musste er herzhaft lachen. Ab sofort hielt er sich tapfer an unseren Wunsch, Aggressionspotentiale zuzulassen.11

     

    Heilig war es, das gelobte Land.

    Aber es gab nach wie vor Probleme - wenn auch außer mir selbst von diesen keiner etwas mitbekommen zu haben schien.

    Immer noch las ich alles, was meinen Weg kreuzte: Bücher über Politik, Geschichte, Sachbücher, Romane, Bücher für Kinder, ebensolche für Erwachsene, sogar die Schulbücher!12 Auch der ganze Psychologenkram meines Vaters durfte nicht unberührt im Regal verstauben.Es kam einem fast so vor, als sei Psychologie ein Fach für Menschen, welche sich selbst nicht so richtig verstanden - es aber immerhin krampfhaft versuchten. Da hatten die Psychologen etwas mit mir gemeinsam. Was mich sehr faszinierte, war der behavioristische Ansatz. Die menschliche Psyche als Maschine? Man musste nur lernen, sie richtig zu bedienen!?

     

    Wieso nur war ich eigentlich immer so traurig? Sollte denn mit dem Umzug jetzt nicht alles besser geworden sein? Jeden morgen stand ich mit zwei krummen Füßen auf und beobachtete mich selbst, wie ich mit hängendem Kopf durch den Tag trottelte. Abends schrieb ich, meist unter Tränen - in Großbuchstaben in mein Tagebuch: "ALLES IST SCHEISSE". Jeden Tag! Schlief ich danach traurig ein, wachte ich am nächsten Morgen auch genauso traurig wieder auf. Dabei hätte ich doch jetzt allen Grund dazu, glücklich zu sein! Handelte es sich vielleicht um eine alte Wunde, die noch nicht richtig verheilen wollte? Auch in der alten Heimat war ich zuletzt jahrelang unglücklich gewesen. Aus diesem Grunde hatte meine Mutter mir sogar irgendwann den Spitznamen "Schleiereule" verpasst.

     

    Was war nur los?

    Trotzdem es nun keinen Grund mehr dafür gab, war ich traurig. Nichts funktionierte! Außer vielleicht mein nach wie vor vorhandener Wissensdurst, in welchem ich mich wie gewohnt verlieren konnte. Mittlerweile faszinierte mich das Thema Religion ebenso wie das der Magie. Von der Bibel bis hin zum praktizierten Satanismus13 - ich las einfach alles. Mein kleines Geheimnis, Dinge wahrzunehmen, die für andere Menschen unsichtbar waren, sollte doch irgendwie erklärbar sein! Was, wenn auf der Ebene der herkömmlichen Wissenschaft niemand etwas davon wusste? Vielleicht fand sich bei den Geistes-Wissenschaften eine Antwort...

     

    Nach dem Umzug in die neue Heimat war es der Bruder, welcher keinerlei Problem damit hatte, neue Freunde zu finden. Grundsätzlich jedermann auf Anhieb sympathisch, stellte er den personifizierten, auf Erden wandelnden, sonnigen Mittelpunkt der Welt. Das Muttertier vergötterte ihn eben so sehr, wie sie mich verachtete. Während ich völlig undifferenziert von ihr für grundsätzlich alles14 bestraft worden war, gab es bei ihm selbst dann, wenn er Scheiße gebaut hatte, dafür immer noch eine Belohnung. So war er eben: man musste ihn einfach lieben. Aus diesem Grunde zog er die Menschen an wie ein kleiner Magnet.15 Mir wurde meist nicht einmal ein Blick, ein kleines "Hallo", oder vielleicht auch nur ein leises Kopfnicken gegönnt, während er sofort auf irgendeinem Schoß saß und die Menschen aufgrund dieser Ehre ein vergnügtes Quietschkonzert anstimmten. Und ich stand daneben - und staunte.16

     

    Dieser Unterschied erweckte meine Neugierde. Warum war das so? Aus welchem Grund existierte ich für andere Menschen nicht? Ein ganz entscheidender Vorteil war natürlich, dass man mich in Ruhe lies. Mich bei diesen Knuddelorgien auszulassen, empfand ich es sogar als Erleichterung. Viel schlimmer waren Besuche bei den Großeltern, die auf solche Dinge wie Umarmungen und ähnlich schlimme Dinge Wert legten. Und die übergingen mich leider nicht. Gib Küsschen,... der blanke Horror!! Berührungen waren für mich äußerst unangenehm. Trotzdem war es schwer zu verstehen, warum man mich scheinbar gezielt ausschloss. An vielen Stellen fragte ich mich, ob ich vielleicht auf eine mir nicht näher bekannte Weise abartig wäre. War ich eine verabscheuungswürdige Kreatur?

     

    Unter Menschen zu gehen, heute mal hier bei Freunden und morgen mal dort zu Gast zu sein: eher meines Bruder Metier. Mir war das nicht wichtig. Ich konnte auch Spaß daran finden, mich den ganzen Tag allein in einer Hundehütte zu verstecken. Sich in Gesellschaft zu befinden bedeutete doch bloß, auf Knopfdruck sinnstiftend und kompetent über (unbedingt ernstzunehmenden) Unsinn daher reden zu können und zu diesem Zweck außerdem dazu verpflichtet zu sein, komplizierte soziale Strukturen zu durchschauen - die sich wiederum als unberechenbarer herausstellten als das Wetter. Alles andere galt als inakzeptabel und wurde dementsprechend abgestraft. Sagte man das Falsche (=> tat ich immer =>) waren alle beleidigt (=> auch nicht besser als für abartig gehalten zu werden), äußerten das aber nicht (=> so dass ich nicht begriff, was ich falsch machte und auch nichts daraus lernen konnte). Gesellschaft? … Bloß nicht!!17

     

    Das Brüderchen stellte mein in dieser Hinsicht perfektes Gegenstück dar. Er, seines Zeichens Rampenlichtmensch, benötigte den ständigen Umgang mit anderen, um sich während des geselligen Beisammenseins gekonnt in Szene zu setzen. Eine Eigenschaft, in welcher er beträchtliches Geschick bewies. Klar hatte auch er von der Mutter oft genug kassiert - aber bei ihm schien sie so etwas wie ein Gewissen entwickelt zu haben, empfand Mitleid, später sogar Reue, wobei sie im Umgang mit mir immer der Ansicht zu sein schien, ich hätte alles - genau so und nicht anders, unbedingt verdient.

     

    "Keiner mag mich" stellte zwar keinen Wahlspruch von mir dar, hätte aber durchaus einer werden können! Das Stigma hing wie eine kleine, mich auf Schritt und Tritt verfolgende Gewitterwolke ständig über mir, wohin ich auch ging. Die menschliche Gesellschaft konnte mit mir in der Regel genauso wenig etwas anfangen wie ich mit ihr. Gewöhnlich stand ich in meinem selbst gewählten Abseits herum, während das große Rudel gepflegtes Desinteresse zelebrierte. Das hätte mir eigentlich nur Recht sein können. Die Vorstellung aber, minderwertig zu sein, machte mir zu schaffen. Meine Bemühungen, daran etwas zu verändern, scheiterten täglich.

     

    Mit meinem Latein an seinem sprichwörtlichen Ende, gestand ich eines Tages ein: Sich weiter zu widersetzen, war sinnlos. Ich würde für immer ein Außenseiter bleiben! Jede Gesellschaft hatte einen, braucht so einen. Und dieser war in dem Fall ich. Ich war der Looser. Fertig aus.

    Erleichtert, mir an diesem Abend keine weiteren Gedanken mehr um das Warum, Wieso, Wenn und Aber mehr machen zu müssen, schlief ich dieses eine mal unter Auslassung des verzweifelten Tränenvergießrituals, mit welchem ich mein Dasein bisher täglich aktiv betrauert hatte, ein. Das Ringen, keine Unperson mehr sein zu wollen, war gescheitert. Aber, jemand anders sein zu wollen als der, der ich war, war dumm. Schließlich möchte man als als der wert schätzt und geliebt werden, der man ist. Das war nicht genug? Dann also: Scheiß drauf. Ich gab es einfach auf.

    Von dieser schweren Aufgabe erlöst schlief ich ein...

    ... um am nächsten Morgen, vollkommen befreit von dieser schweren Bürde wieder aufzuwachen.

    Keine Traurigkeit? Hallo? Wo waren denn die dunklen Wolken hin? Häh? Was war denn das? War ich etwa fröhlich?

    Vorsichtig erprobte ich ein Lächeln. Juieh,... das fühlte sich aber komisch an! Na ja. Andere Menschen lächelten auch hin und wieder. Manche sogar mehrmals am Tag! Warum also nicht. Ich wollte gar nicht mehr damit aufhören, grinste die ganze Zeit vor mich hin, ging dann sogar mit einem Lächeln auf dem Gesicht in die Schule. Interessanterweise nahm mich dort weiterhin keiner so richtig wahr. Eigentlich hätte es ein Tag sein können wie jeder andere. Dabei hatte ich doch gefühlt noch nie zuvor gelächelt? In meiner Person musste es sich tatsächlich um so eine Art Geist handeln, so konsequent, wie man mich immer zu übersehen schien.

     

    Für mich stellte diese Veränderung allerdings etwas von entscheidender Bedeutung dar. Sobald ich von der Schule nach Hause kam, begann ich darüber nachzudenken: Zuvor war es mir gelungen, aus der Spirale der Gewalt auszusteigen. Jetzt, den Teufelskreis der Traurigkeit zu durchbrechen. Erneut schlich sich ein Lächeln auf mein Gesicht: War das etwa ... ein Erfolgserlebnis? Und wenn ja - dann war die alles entscheidende Frage: Wie war mir das gelungen? Könnte es tatsächlich so etwas wie ein "Rezept" für das Erreichen von Zielen geben? Das wäre kaum mit Gold aufzuwiegen. Plötzlich freute ich mich auf die Schule. Dort warteten vollkommen neue Lerninhalte.18

     

    Unsichtbar zu sein war bislang für mich kein großes Hindernis gewesen. Im Gegenteil, es hatte mir die Dinge oft eher erleichtert als erschwert. Integration konnte man das aber kaum nennen! Sollte diese als etwas erstrebenswertes gelten? Ein paar Tage lang beschäftigte mich diese Frage. Dann kam ich zu dem Entschluss: Das Fach „Integration“ bei Bedarf zu beherrschen, erschien mir durchaus von Interesse. Als bedrohlich empfand ich nicht so sehr das Alleinsein, sondern die Vorstellung, diesbezüglich keine Wahl zu haben. Dass dieser Zustand sich meiner persönlichen Kontrolle entzog, hatte sich erfahrungsgemäß bedrohlich angefühlt. Daran galt es etwas zu ändern. Ein neues Ziel: Die Fähigkeit, Mensch unter Menschen zu sein, sollte gründlichst einstudiert werden.

     

    Bislang hatte ich in der Schule nie aufgepasst, geschweige denn mich am Unterricht beteiligt. Nun ersann ich neue Strategien für effektiveres Lernen. Kaugummikauen schien positive Auswirkungen auf die Fähigkeit zu haben, sich dauerhaft zu konzentrieren. Also brachte ich mir immer ein bis zwei Packungen davon zur Schule mit. Dabei achtete ich sehr genau auf die Uhrzeit, um zum richtigen Zeitpunkt eines in den Mund zu schieben. Zwei Minuten vor Unterrichtsbeginn war dazu die beste Zeit. Dann bemerkten es die Lehrer nicht. Blickkontakt stellte offenbar eine wichtige Eigenschaft dar, die zu beherrschen grundsätzlich erwartet wurde. Eine Fähigkeit, welche ich nicht beherrschte. Kompetent Gespräche führen zu können war alles andere als eine einfache Aufgabe.

     

    Ob im Schulbus oder daheim, vor dem Fernseher oder beim Hausaufgaben machen - Aufmerksamkeit stellte sich als der wichtigste Faktor von allen heraus. Ich installierte einen imaginären kleinen Kameramann (meinen „Mann im Ohr“) der als unabhängiger Beobachter nicht nur den äußeren, sondern auch den inneren Dialog mitzuschneiden hatte.19 Und da war er: der Weg in die Freiheit. Ohne mir dessen bewusst gewesen zu sein, hatte die Macht der Gewohnheit auch mich fest im Griff gehabt. Ich verstand: Gemachte Erfahrungen zur Grundlage des Erlebens zu machen hieß, sie einer Schallplatte gleich ewig zu wiederholen.

     

    Um zu lernen, war es völlig gleichgültig, ob das Rudel einen gerade disste oder hypte. Bald gelang es, alle Fesseln abzustreifen. Es war eine vollkommen neue Welt: Freunde zu haben, sich in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stellen, alle zum Lachen zu bringen.

    Wo ein Weg zu Ende gehen darf, entsteht Raum für Neues. Das Loslassen gewohnter Denkstrukturen: ein Opfer, welches sich lohnte. Die folgenden Tage waren voller Witz, Lebenslust und Freude. Wie aufregend: Was würde der nächste Moment an neuen Erlebnisssen für mich bereithalten? C´est la d´or - sogar die Unsichtbarkeitsfessel löste sich auf.

    Man sah mich, freute sich, mich zu sehen, lächelte mich an.

     

    Abergläubisch hielt ich mich an die neue Regel, nicht traurig einschlafen zu dürfen. Ich durfte genau so lange nicht schlafen, bis eine positive Grundstimmung wiederhergestellt war. Denn hier zeigte die Gesetzmäßigkeit: mit dem Gedanken, mit dem ich abends zuvor eingeschlafen war, wachte ich morgens früh auch wieder auf. Das Nicht-Lösen von Konfliktpotential vor dem Einschlafen war gefährlich.20

     

    Allen unbemerkt Streiche zu spielen war das bislang liebste Hobby gewesen. Die neue Spielart dieser Unart betraf den Unterricht derjenigen, welche zu erniedrigendem Verhalten gegenüber den Schülern neigten. Da ich nicht auf den Kopf gefallen war, schien es mir ein leichtes, die Kreideschwinger ebenso zum Affen zu machen, wie diese es umgekehrt versuchten. Den Fairen gegenüber verhielt ich mich brav + angepasst. Lehrer und Innen, welche sich ausschließlich an Schulbuchvorlagen hielten, betete ich laut deren Inhalt vor, welchen ich nach einmaligem Ansehen bereits auswendig konnte. Zack, erhielt man eine gute Note.

     

    Der größte Fein in der Schule stellte immer noch die Langeweile dar. Mein Abschlusszeugnis der Unterstufe sei "das beste Zeugnis der ganzen Klasse", pries die Klassenlehrerin21 (dabei hatte ich das ganze Schuljahr über versucht, ungeahnte Rekorde im Scheiße-bauen aufzustellen). Schüler fingen an, sich um die Möglichkeit, neben mir sitzen zu dürfen, zu prügeln, da das zu besseren Noten verhalf. Meine Mitschüler behaupteten, nicht einschätzen zu können, ob ich "wahnsinnig oder ein Genie" sei. Nachdem ich die Strukturen der Mathematik endlich dann doch einmal begriffen hatte,22 rechnete ich mit Vorliebe die Mathelehrer an die Wand, welche mit dem Taschenrechner zT. langsamer waren als ich ohne. Im Fach Religion glänzte ich mit ungewöhnlichen Thesen, welche nicht immer auf Zustimmung stießen,23 aber immerhin doch für Gesprächsstoff sorgten. Sprachen hatten sowieso noch nie ein Problem dargestellt.24

     

    Oftmals war ich innerhalb von Sekunden mit der Erledigung der zu Unterichtsbeginn gestellten Aufgaben fertig. Ich arbeitete schneller, als die Lehrer erklären konnten, weshalb ich mitunter, zwar korrekt im Ergebnis, aber auf von dem vorgegebenen Schema abweichenden Lösungswegen unterwegs war. Aufgrund der darauf folgenden folgenden Langeweile fiel ich dann natürlich wieder unangenehm auf. Für die „mangelnde Mitarbeit“ hagelte es dann eine Sechs nach der anderen. Das an den regulären Unterricht unangepasste Verhalten sprengte ein großes Loch in den Jackpot der Klassenbucheinträge. Schwankungen von sehr gut bis zu ungenügend und wieder zurück (im gleichen Fach und gleichen Halbjahr, teils Abstand weniger Tage) => das war normal. Etwas, über das nie jemand zu sprechen für notwendig gehalten hat. Ich war großkotzig, ein Crack, der es lustig fand, komplizierte Aufgabenstellungen innerhalb von 5 Minuten fehlerfrei fertig zu bearbeiten, um dann die verbleibende Doppelstunde demonstrativ die Füße hochzulegen, das Schulheft voll zu malen oder sich neue Streiche auszudenken.25

     

    Mittlerweile in der gymnasialen Oberstufe, schwänzte ich eines Tages eine komplette Unterrichtseinheit. Zufällig erschien ich aber in den zwei Stunden, in welchen die Lernzielkontrolle dazu geschrieben wurde.26 Ich erhielt eine der beiden einzigen guten Noten, die für diese Arbeit überhaupt vergeben wurden. "Wie machen Sie das nur?" haben mich Zeit meines Lebens die Menschen immer wieder gefragt. Auch in der Schule passierte das häufig. Was letztlich zählte, waren die Noten. Bei schlecht wurde gemeckert und bei gut applaudiert, konkret hingesehen hat jedoch nie einer.27

     

    Auch ohne Kleidung von Lacoste, Adidas und Co: Es war geschafft. Ich war nicht nur in eine Clique eingetreten, diese hatte sich sogar aktiv um mich herum gebildet. Ich war die Clique. Als ich mich einmal vor mich hin murmelnd fragte, warum sich das wohl so ergeben hatte, wurde mir - wie aus der Pistole geschossen - die Antwort gegeben:

    « Du bist ein fröhlicher Mensch, das steckt an! In deiner Gesellschaft kann man sich wohlfühlen! Du bist immer so schön ruhig und entspannt. Mit dir kann man auch einfach mal lachen! »

    ... Aja. Na gut, wenn’s weiter nichts ist …

     

    Mein kleiner Bruder hatte leider nicht so viel Glück. Die Obrigkeit sprach: Um sich herumzutreiben, sei er zu jung. Dabei war genau das sein erklärter Lebensinhalt!28 Herumtreiben! Vor allem aber sollte er sich erziehen lassen, und (darin war sich die Obrigkeit mit sich einig) das bedeutete:

    Erst die Arbeit, dann das Vergnügen

    - was er nicht allzu ernst nahm. Er wollte das tun, wozu er gerade Lust hatte, was ihm Spaß machte und er am besten konnte. Und das war? Genau! Ein Salonlöwe, der die Gesellschaft brauchte. Und selbstverständlich brauchte diese Gesellschaft auch ihn!

     

    Erst Hausaufgaben, erst Zimmer aufräumen, an dieser Reihenfolge stimmte doch etwas nicht! Wenn man erst mal mit so etwas anfing, wo sollte das noch hinführen? Da konnte es doch tatsächlich passieren, dass man etwas verpasste (oder noch viel schlimmer - wie sollten seine Freunde auch nur einen Moment lang ohne ihn auskommen!). Aus diesem Grund schlich er sich dann heimlich fort, wofür er, wenn es herauskam, jedes Mal einen Riesenanschiss kassierte. Unter der Androhung von Strafen zwang man ihn schließlich dazu, zu Hause zu bleiben, um so etwas wie Hausarbeiten zu erledigen. Bei der bloßen Erwähnung des Wortes "Arbeit", gegen das er eine Allergie entwickelte, bekam er direkt einen Schlafzimmerblick (das selbst dann, wenn man ihn bloß damit aufzog).

     

    Stress gab es aufgrund seiner sehr ausgeprägten Faulheit, wovon er mehr als genug besaß. Ich tat oft Dinge für ihn im Haushalt, um uns den gemeinsamen Ärger zu ersparen, wenn er mal wieder alles stehen und liegen gelassen hatte. Ihm war das egal, mir aber nicht. Deshalb achtete ich stets darauf: Sobald die typische Geräuschkulisse entstand, die auftrat, wenn er sich zwischendurch etwas zu Essen zubereitete, wartete ich aufmerksam ab, bis das Rumoren nachließ, um dann schnell in die Küche zu schleichen und hinter ihm ordentlich aufzuräumen. Denn unser Stiefmütterchen bekam, sobald es auch nur ein paar liegengebliebene Krümel erspähte, einen Brüllprollanfall. Der jeweilige Schuldige war ihr herzlich egal - wir bekamen es grundsätzlich beide aufs Brot geschmiert.

     

    Am schlimmsten war, wenn sie aus der Schule nach Hause kam. Das Brüderchen, durch sein offensichtliches Fehlverhalten bald zum Sündenbock-für-alles hochstilisiert, stellte eine gute Gelegenheit dar, ihren Schulalltags-Frustberg gezielt & regelmäßig an ihm abzuarbeiten. Kaum zu Hause angekommen und das Handgepäck verstaut, riss sie die Türe zu seinem Zimmer auf, um ein paar Sekunden später loszuschreien. Was genau gebrüllt wurde, interessierte mich irgendwann auch gar nicht mehr - wohl aber die an den Tag gelegte Regelmäßigkeit und Ausdauer, die sie dabei an den Tag legte.

     

    Unser Vater war die meiste Zeit über gar nicht da29, kam leider nur an manchen Wochenenden nach Hause. Wenn die Fronten längst verhärtet waren, versuchte er, uns „zusammen an einen Tisch“ zu setzen, um nach mehrstündigem Misslingen therapeutischer Konzepte uns Kinder auf althergebrachte Art und Weise zu maßregeln. Was bedeutete, uns zu Unpersonen zu erklären und als aufmüpfig zu deklarieren. Der übliche Vorwurf: was für ein undankbarer Nachwuchs man doch sei. Im Anschluss daran wurde auf typische Elternart abwechselnd gedroht und erpresst. Miteinander reden konnte man des wirklich kaum noch nennen. Einfach den großen Schuldverteiler bemühen und diese dann einseitig an uns zu verteilen. Und dadurch sollte alles wieder ins Lot kommen?

     

    O.k.

    Er war Gott, und das, was er sagte, Gesetz. Aber nur für ihn! Bedürfnisse ernst zu nehmen? Fehlanzeige. Typisch Eltern. Allwissend und alles-dürfend. So gefiel es der Stiefmutter. In diesem Fall musste sie ihr Verhalten auch gar nicht erst überdenken. Das Gespräche führen bewirkte in diesem Fall nur eins: Sie glaubte jetzt auch noch daran, ihr Verhalten sei in Ordnung - was die Situation nicht gerade verbesserte. Im Gegenteil: Für meinen Bruder wurde sie allmählich unerträglich. Wieder erlebte ich unberechenbare Willkür im Verhalten der sich als privilegiert und deshalb dazu berechtigt verstehenden Menschen. Wieder Gefühle des wehrlosen Ausgeliefertseins, welche ich in diesem Augenblick stellvertretend für meinem Bruder empfand. Sein Leid berührte mich, als wäre es mein eigenes.

     

    Ein unverhofftes Eintreten des plötzlichen Kindstodes? Die Nummer gehörte eindeutig der Vergangenheit an. Was aber auch bedeutete: nun war er an der Reihe, zum Punchingball erklärt nicht zu wissen, wie er sich gegen so etwas wehren sollte. Man warf man ihm sein Unvermögen, sich den Erwartungen und Bedürfnissen anderer Menschen unterzuordnen vor. Wie wahr. So etwas war ganz und gar wider seiner Natur - rechtfertigte aber nicht, wie mit ihm umgesprungen wurde. Er protestierte (ich mit ihm) aber - es war egal, nichts half. So wie ich zuvor fing auch er nun an, innerlich zu weinen. Sogar seine Gesichtsfarbe verblasste. Mein Bruder, eine Schleiereule? Nein, das konnte und durfte nicht sein. Er war doch der Sonnenschein!

     

    Mit Sechzehn zog er ein Leben auf der Straße dem Leben im Elternhaus vor.30 Meiner Ansicht nach lagen die Ursachen hierfür ganz klar auf der Hand. Trotzdem konnte ich aus meiner unwürdigen Position als aufmüpfiges Kind, zu welchem man erklärt worden war, heraus - schwerlich als Schlichter agieren - obwohl mir genau diese Rolle zugetragen wurde:

    Von plötzlichen Sorgen zerrüttet, in Hilflosigkeit gefangen, ersuchte der Vater mich um Rat.

    « Was soll ich nur tun... » fragte er mich, vollkommen verzweifelt.

    Ich überlegte. Also: Selbst dann, wenn dieses Kind bereits siebzehn ist:

    Wer hört schon auf ein Kind? Die Sache war von vornherein zum Scheitern verurteilt. Um ein Verständnis dafür zu fördern, wie sich ein den-Launen-vom-Jemandem-ausgeliefert-Sein anfühlt, hätten wir die Rollen tauschen müssen! Unmöglich. Wer von den immerzu-Recht-habern würde dabei schon mitmachen? Ein unlösbares Problem. Nicht nur bei uns.

    « Ich weiß zwar, was helfen würde, » druckste ich herum,

    « …aber ich weiß nicht, wie ich es dir erklären soll! »

    Ich überlegte.

    Das Problem lag vor allem in der gewohnheitsmäßigen Ignoranz, welche man Kindern/ Unterprivilegierten in unseren Systemen grundsätzlich entgegenbringt. An unseren eingespielten Rollen, die einen gesunden Austausch, der die Basis für ein Miteinander darstellt, ausschlossen. Das war so normal wie Menstruationsbeschwerden. Das gehörte einfach zum Leben eines Kindes dazu. Wie sollte ich ihm das erklären? Und wie genau wollte man daran etwas ändern, ohne dass es wie die allseits gefürchtete Meuterei aussehen würde?

    « Darüber muss ich erst nachdenken » murmelte ich.

     

    Eine einvernehmliche Lösung der Situation zu finden bestand aus meiner Sicht vor allen daraus, sich ineinander einzufühlen und zu verstehen - wofür ein Rollentausch am geeignetsten zu sein schien. Damit war ich aber nun (im übertragenen Sinne) in der Situation, dem Diktator erklären zu müssen, dass er seine Krone gegen den Hut des Bettlers vor seinem Palast tauschen müsste, um zu erfahren, wie dieser sich fühlte. Oder dem Präsidenten, dass er sich persönlich an die Front des Krisengebietes zu begeben habe, welches er heraufbeschwor. Dem Adligen, dass er sich an den Pflug stellen und seine Ländereien selbst bestellen müsse, während der Bauer die Früchte seiner Arbeit einkassierte und nebenher dessen Frau und Kinder schändete, bevor diese einen elenden Hungertod erlitten. Der Katze, dass sie sich von der Maus fressen lassen sollte. Man konnte nicht einfach so hingehen und alles auf den Kopf stellen, das ging nicht. Und dies gerade dann nicht, wenn es so harmlos war wie ein unschuldiges Eltern Kind Verhältnis.

     

    The Royals will never drop their majority, otherwise they´d have to learn.

     

    « Also,... » verkündete ich das Ende meiner Überlegungen.

    « Ich weiß wohl ziemlich genau, wo das Problem ist und auch, was helfen könnte… » begann ich ein paar Tage später, die Ergebnisse meiner Überlegungen preis zu geben.

    « Aber ich weiß nicht, ob ihr es verstehen würdet, wenn ich das jetzt zu erklären versuchte…! Ich glaube nicht. Tut mir leid, dass ich da jetzt nicht direkt helfen kann. Aber ich verspreche, ich denke weiter darüber nach. Ok? Wenn mir dazu noch etwas einfällt, sage ich Bescheid. »

    Aber mir fiel tatsächlich nichts Besseres ein, als meinem Bruder Mut und Gelingen für seinem weiteren Lebensweg zu wünschen.

     

    In der alten Heimat hatte ich erfahren, welche Kraft langjährig eingefahrene Strukturen darstellten. Sie kamen einem vor, wie in Beton gegossen31. Einmal ein Niemand, war man es für immer. Auch meine neu einstudierte Wehrhaftigkeit hatte damals an der Tatsache nichts geändert, dass die Rollenverteilung meiner Schulklasse weiterhin Spott und Angriffe für mich vorsah. Man hatte nicht mit mehr Respekt, sondern mit Entrüstung und Bestürzung darauf reagiert, als ich dabei auf einmal nicht mehr mitspielte. Der wirkliche Neuanfang war mir erst nach dem Schulwechsel geglückt. Das Gleiche galt natürlich auch für Eltern-Kind-Verhältnisse: Einmal klein, immer klein! Einmal Buhmann, immer Buhmann. Einmal der Star - …

     

    Gewohntes Denken loszulassen, ist wie... für einen Raucher, mit dem Rauchen aufzuhören. Es bedarf der aus sich selbst heraus herbeigeführten Erkenntnis, dass am gewohnten Verhalten etwas auszusetzen ist - und der bewussten Anstrengung, dieser Taten folgen zu lassen. Dieser energieaufwendige Prozess stellt bereits eine zumeist unüberwindbare Hürde dar, an welcher viele im Vorfeld schon scheitern. Vor allem dann, wenn es um das gewohnheitsmäßige Be, und Verurteilen von anderen Menschen geht. Überall werden emotionale Etiketten drauf gebabscht. Klebt ein solches erst einmal fest, kann nichts in der Welt am vorgefassten Urteil mehr etwas ändern. Strukturen in Gruppen zu verändern: unmöglich. Wenn diejenigen, die umzudenken angeregt werden, selbst gar nicht zu den Leidtragenden der Situation gehören?32 Wozu über ein Verhalten nachdenken, welches sich für einen selbst nicht als störend herausstellt?

     

    Wieder wurde ich traurig. Der Bruder fort! Mein einziger Freund! Der immer da gewesen war. Der einen angemessen kritisierte,33 mit dem man Scheiße bauen und sich dann gemeinsam darüber freuen konnte! Der Verlust schmerzte. Aufs Neue zog ich mich zurück, sprach nicht mehr. Diesmal fiel das auf. Nach meiner vorherigen wundersamen Heilsfindung war der Rückfall in Schleiereulen-Zeiten etwas, das registriert wurde: Mich als traurigen Menschen nicht mehr gewohnt, sprach man darüber - die einen hinter vorgehaltener Hand, die anderen ganz offen:

    « Naa, was sitzt du hier so alleine » kam einer der Leerkörper angeschlurcht, als ich in der Schule während der Pause in meiner bevorzugten Rückzugs-Ecke saß.

    Was für eine außerordentlich dumme Frage! Ich saß da und hatte Kopfhörer auf den Ohren! Was tat ich damit wohl?

    « Darf ich das nicht? »

    Tschüss… Geh weg.

    « Was ist denn los mit dir, hmm? »

    Nerv. Der sollte sich verpissen. Ich wollte meine Ruhe haben!

    « Hab grad keinen Bock auf Gesellschaft, Mann. »

    Grunz.

    « Du hast dich in der letzten Zeit so sehr zurückgezogen. Was ist los? »

    Anstelle eine sinnvollen Antwort starrte ich die Edding-und-Graffiti verschönerte Backsteinwand an.

    « Willst du nicht mal mit jemandem darüber reden? »

    Nein?? Wie kam er denn darauf? Reden? Worüber sollte ich denn reden?… Sollte ich etwa über meine Stiefmutter herziehen? Die rein zufällig eine seiner Kolleginnen war? Oder aber meinen Vater öffentlich als unfähig zu deklarieren? Nein. Das ging nicht. Außerdem wäre es Quatsch, denn aus elterlicher Sicht hatte man sich redlich bemüht. Ja, und eigentlich war es auch gar nicht mein Problem - sondern vielmehr mein soziales Umfeld - das Probleme hatte, an denen ich Anteil nahm. Aber auch das ging keinen Menschen außer mir etwas an.

    « Nein. »

    « Das ist aber sehr schade. Meistens hilft das, weißt du? Also, wenn du jemanden zum Reden brauchst, findest du bei mir immer eine offene Tür. Okay? »

    Verwirrt runzelte ich die Stirn.

    Ich jemanden „zum Reden“ brauchen? Worüber sollte ich denn „reden“ wollen? Schulstoff? Ich überlegte. Das hatte ich ja noch nie gehört. Taten die anderen Schüler so was? In ihrer Freizeit mit Lehrern reden? Ob ich mich da mal erkundigen sollte? Nein. Fast hätte ich über diese Vorstellung gelacht: seine Zeit freiwillig mit Lehrern zu verbringen, was für ein Witz! Und wieso erzählte er mir von offen stehenden Türen? Mir fehlte der Zusammenhang. Musste ich ihm etwa zeigen, wie Türklinken funktionierten oder man Schlüssel in Schlüssellöcher steckte und herumdrehte? Ich war doch nicht der Hausmeister! Nicht mein Problem. Musste ich jetzt den Hausmeister holen oder sollte ich ihm erklären, wo dieser sich befand? Nein, so doof konnte doch keiner sein, nicht zu wissen, wo der Hausmeister zu finden war. Und wenn er es doch nicht wusste? Dann sollte er bei einem der anderen Schüler sein Glück versuchen. Vielleicht standen die ja drauf, in der Pause von übermäßig kontaktfreudigen Lehrern belästigt zu werden.

    Nicken, lächeln, Wand anstarren.

     

    Im 10. Schuljahr hatte ich, ebenso wie meine freakigen Freunde, direkt nach den Zigaretten auch Alkohol und Marihuana für mich entdeckt, welches wir mit Freuden zu jedem erdenklichen Anlass konsumierten.34 Die schlimmen Depressionen, welche mich nun erneut ereilt hatten, verursachten daraufhin meinen vollständigen Stop jeglichen Konsums. Leider kamen außerdem, stressbedingt, Magen + Kreislaufprobleme sowie Migräne Attacken dazu. Ich hoffte, die Probleme würde sich von allein erledigen. Arztbesuche waren lästig und meist nicht sonderlich hilfreich. Ich erinnere mich an einen, den ich geradezu grotesk abartig fand. Mein Vater schleppte mich nach mehreren Tagen Fieber35 zum Doc. Ich wollte da nicht hin, mir ging es nicht gut. Daher antwortete ich auf Fragen nur sehr einsilbig. Mein Vater übernahm die Konversation.

    Der Arzt fragte:

    « Ist die immer so? »

    Er sprach von mir in der dritten Person - allein aufgrund dieser Unverschämtheit war er sofort untendurch. Ich wünschte mich sehnlichst nach Hause und in mein Bett, das Fieber auskurieren.

    Mein Vater antwortete:

    « Ja, leider. Wir wissen nicht, was mit ihr los ist. »

    Ich hatte Fieber, mein Gott! Ich wollte meine Ruhe haben!

    « Ist sie so ein bisschen… » er wedelte in bezeichnender Geste mit der Hand vor seinem Gesicht hin und her.

    Mein Vater erzählte irgendwas von einem „Fachmann“ den er konsultieren wolle. Ich hörte nicht mehr zu.

     

    Man erkundigte sich, was denn "los sei" mit dem werten Töchterchen. Ein so offensichtliches in-sich-zurückgezogen und traurig-Sein, das ging doch wohl nicht. Mein Vater wirbelte um mich herum mit sehr eigenwilligen Vorstellungen davon, dass ich "in Therapie" solle.

    « Häh? Was? » fuhrwerkte ich nach seiner Gesprächseröffnung unkoordiniert los.

    « Die Leute reden, weißt du? » sagte er.

    Therapie? Leute, die redeten? Verwirrend.

    « Wieso sagst du das jetzt - und was ist eine,... na, worüber reden sie denn, ... nein, ... also, warum hast du mir das jetzt erzählt, und, warum, und aeh, also,... was bedeutet das, eine Therapie. Was meinst du damit? Außerdem... »

    Reden taten die Leute doch immer! Sie hatten den ganzen Tag nichts Besseres zu tun! Daran war doch wirklich nichts Besonderes. Aber warum hatte er das jetzt gesagt? Ich atmete einmal tief durch.

    « Na, was reden sie denn. »

    « Weißt du, in der letzten Zeit sprechen alle über dich. Naja, zumindest die, die dich kennen und viel mit dir zu tun haben. Du bist nicht normal, sagen sie. »

    Aha, sie sprachen über mich. Kennen? Viel mit mir zu tun haben? Also DIE Leute mit denen ER sprach, kannten mich kaum. Und hatten auch nicht sehr viel mit mir zu tun. Es musste sich wohl um die Lehrer in der Schule handeln.

    Wie jetzt, nicht normal. Selber nicht normal! Was sollte das denn überhaupt heißen? Und: wieso war das jetzt von Bedeutung?

    « Na, und? » fasste ich meine Gedankengänge zusammen.

    Wenn man sich dazu hinreißen ließ, an den von anderen zusammengebrauten Phantasien teilzuhaben, konnte man dadurch in Teufels Küche kommen, das war mir durchaus klar. Aber mein Vater war auch nicht irgendjemand. Den musste ich ernst nehmen.

    « Es könnte sein, dass du da oben nicht ganz richtig bist. »

    Er zeigte auf meinen Kopf. Hallo! Das war meiner! Er hatte seinen eigenen, sollte er sich doch um den Sorgen machen! »

    « …dass du krank bist » ergänzte er, und postulierte:

    « Da muss ein Fachmann ran. Zu einem solchen sollten wir auch bald mal hingehen. »

    Alter, was sollte denn die Nummer?

    « Vielleicht solltest DU dir mal überlegen, ob mit deinen Erziehungsmethoden alles so richtig ist!! » schoss ich aufgebracht zurück.

    BATSCH! Schockiert hielt ich mir die Wange. Ohrfeige, Thema Ende. Das ließ er sich nicht bieten. Mit glühenden Augen36 starrte ich ihn an. Dachte der eigentlich überhaupt mal nach? Ich war erwachsen genug, bei Bedarf zurückzuschlagen. So ein Idiot! Schwupp, war mein Respekt vor ihm vollends durch den Keller gebrochen. Welch desillusionierende Erkenntnis. Der eigene Vater, ein Tu-nicht-gut! Ein ausgemachter Idiot! Das war zum fremdschämen, und DAS fühlte sich richtig kacke an. Jedes Kind wünscht sich insgeheim, zu dem eigenen Vater aufsehen zu können. Hart traf mich die Erkenntnis dass ich auch diesmal leer ausgegangen zu sein schien, als der liebe Gott die perfekten Eltern verteilt hatte.

     

    Obendrein startete das Stiefmütterchen bald den Versuch, ihre obligatorische Stressverklappung bei mir - anstelle meines Bruders - durchzuführen, und brüllte mich, als sie von der Schule kam, minutenlang an. Es hatte bis zu ihrem Entschluss, nun alles, statt wie zuvor an ihm, dann eben einfach ersatzweise an mir auszulassen, nur zwei Tage (!) gedauert. Eine Eiseskälte breitete sich in meinen Bauch aus. DU bist Schuld, dachte ich. Hexe! Hasserfüllt sah ich sie an.

    « Dein Ernst? » fragte ich, als sie endlich verstummte.

    « Was meinst du? » fragte sie, plötzlich unsicher.

    Mir erschien es müßig, ihr auch noch erklären zu müssen, wie sie sich aufführte.

    « Vergiss es. Vergiss es einfach. »

    Wie dumm konnte man eigentlich sein?

     

    Mit 17, beinahe volljährig, entfernte ich mich, ebenso wie das Brüderchen es zuvor getan hatte, konsequent aus dem Elternhaus. Nur noch sporadisch tauchte ich noch dort auf, trieb mich stattdessen herum - was bedeutete: Ich schlief außer Haus, aß außer Haus und erledigte auch die Schularbeiten außer Haus. Meistens jedoch kam ich erst gar nicht dazu. Wenn man sich herumtreibt, ist Gesellschaft angesagt. Party machen, saufen. Privatsphäre gibt es nicht mehr. Man konnte froh sein, etwas Schlaf zu bekommen. Das war keine gute Lösung.

     

    Aber zu Hause wartete die Satanzwacke. Und die lauerte einem, wenn man Pech hatte, auf, um einen wahlweise verachtend und strafend zu mustern oder einem lautstark lamentierend seine ungeheuerliche Schlechtigkeit vorzuhalten, davon völlig überzeugt, damit in jedem Fall richtig zu liegen. Dort wäre ich total verkümmert. Also stellte ich meinen Vater vor die Wahl, mir eine eigene Wohnung zu bezahlen. Ansonsten würde ich die Schule abbrechen müssen.37 Und das wollte auch ich nicht.

     

    1 (teils sehr skurril: zB sammelte ich Knochen - ihre Ästhetik sie faszinierten mich. Das meiste davon fand ich im Wald. Besonders begehrt waren natürlich die Schädel. Bald besaß ich davon einen ganzen Haufen, vom zartgliedrigen Mäuseschädel bis hin zum Schädel einer ausgewachsenen Kuh!)

    2 (Und dann gab es da auch noch diese Sache, über die zwar keiner offen sprach, welche sich aber trotzdem als die Wichtigste von allen herausstellte: Darüber konnte man allerdings nur aus den Schmierereien auf den Wänden der Schultoiletten etwas erfahren, welche ich allerdings als unappetitlich empfand)

     

    3 (meine Leseempfehlung "Erschieß die Apfelsine" von Mikael Niemi)

    4 (während man sich, gar nicht mehr Opfer, die Hände rieb, sobald mal wieder einer „negativ auffiel“, so dass man sich privilegiert sah, darüber öffentlich zu richten und zum, so called„Gegenschlag“ auszuholen)

    5 (Stoße ich auf eine Mauer des Schweigens - in Schafkostüm- weiß ich immer sehr genau, womit ich es gerade zu tun habe)

    6 (Jemand, der sich darüber ausschweigt, enthielte mir wichtige Informationen vor (welche spätestens bei dem darauf folgenden Bewerbungsgespräch schicksalsträchtige Form annehmen würde). Dabei nützt es nicht, meine Person insgesamt in Frage zu stellen. Schau in den Spiegel und sieh dir dein Gesicht an (präziser Hinweis) wäre in dem Fall eine hilfreichere Form der Kritik als ein: Bor, siehst du kacke aus (zu allgemein). Ideal wäre ein: Du Frosch hast Zahnpasta in der Fresse, wisch mal weg!)

    7 (die Ausnahme: Ist jemand in einer Position, die an Überlegenheit glauben lässt, verleitet das, sich danebenzubenehmen. Scham kennt so jemand nicht)

    8 (wozu verbirgt man sich hinter einer Maske? Und was genau wird dort verborgen? Welche Notwendigkeit treibt jemanden dazu, die Motivation für seine Taten zu verschleiern?)

    9 (wer das Denken, Fühlen und Handeln vollständig anderen überlässt, muss sich hinterher nicht wundern, wenn das Ergebnis an Ende möglicherweise nicht so ganz zusagt)

    10 (das scheint eine Art Tick zu sein: stehe ich unter Stress, lache ich mich kaputt)

    11 (bis heute führe ich am liebsten, ausschließlich nur zu Menschen langfristig Kontakte, mit denen ich mich mindestens ebenso gut streiten kann wie mit einem Bruder)

    12(das waren die mit Abstand langweiligsten, nur noch übertroffen von Frauenzeitschriften)

    13 (alles gleichermaßen uninteressant)

    14 (selbst für das Bravsein gab es Ärger)

    15 (oder das Licht die Motten)

    16 (natürlich war ich nicht neidisch darauf, dass er auf dem Schoß von jedem sitzen musste. Was für eine gruselige Vorstellung, auf jedermanns Schoß sitzen zu müssen!)

    17(die einzige Ausnahme: Freaks. Solche wie mich, die traf ich gern - meine Freunde: Stotterer, Epileptiker, ADHSler, Nerds)

    18 (wenn auch andere, als die, die man in der Schule interessant zu finden animiert werden soll. Wobei man dazu sagen muss: die Animateure sind auch schauderhaft schlecht - im wirklichen Leben würden die keinen Cent damit verdienen)

    19 (wichtig war dabei, dass dieser weder wertete, noch kommentierte, denn sonst schnitt er nicht mehr mit, sondern peitschte statt dessen nur den inneren Dialog an)

    20 (Seitdem leide ich in Stresssituationen unter Schlaflosigkeit)

    21 (was mir eher peinlich war - ich wollte doch nicht als Streber gelten! Das war ich auch nicht. Streber - als solche bezeichnet man eher jene, die nicht unbedingt zu den Intelligentesten gehören, was sie durch penetrantes Arschkriechen wieder wett zu machen versuchen)

    22(ich hatte ja nie aufgepasst!)

    23 (die Tatsache, keine feste Religionszugehörigkeit zu haben, kann für diskriminierendes Verhalten sorgen: Man wurde entweder für die erbrachte schulische Leistung bewertet, oder dafür, wie frömmelig man sich zeigte - bei Bewertungsschema Nr. 2 gehörte ich zu den mangelhaften)

    24 (man durfte nur nicht vergessen, auch die Vokabeln zu lernen. Das Gute daran: Die brauchte ich mir meistens nur grad einmal durchzulesen, um mich an sie erinnern zu können)

    25 (einer der Lehrer bezeichnete mich gegen Ende unserer Schulzeit als "Monster", was als Kompliment gemeint gewesen zu sein schien)

    26 (dieser Test ist übrigens für den Kurs insgesamt ziemlich schlecht ausgefallen: es hagelte die schlechtesten Zensuren aller Zeiten u. der Lehrer kündigte an, diese LZK u. U. wiederholen zu müssen)

    27 (Ich finde, es sollte umgekehrt sein: Schüler sollten Lehrer benoten, Arbeitnehmer die Chefs der Firmen einstellen, für die sie arbeiten. Dann gibt es auch keine Lehrer mehr, die die ihnen unrechtmäßig verliehene Macht missbrauchen - und keine Arbeitgeber, die die ihnen anvertraute Firma in Grund und Boden wirtschaften)

    28 (er ist sogar heute noch ein Herumtreiber)

    29(die Rubel müssen auch rollen)

    30 (genau das hätte ich damals, als wir noch bei der Mutter gelebt hatten, auch getan, wenn ich zu dem Zeitpunkt älter gewesen wäre)

    31(wie unser Stiefmütterchen, ich verlieh ihr damals den nur sehr wenig schmeichelhaften Spitznamen "Beton")

    32 (Warum akzeptieren wir Kindersklaven, kaufen Billigschokolade oder Niketurnschuhe? Genau)

    33 (natürlich auch unangemessen, aber immerhin!)

    34 (es ist mir sogar unter massivstem Konsum von Cannabis gelungen, das "beste Zeugnis der Klasse" zu bekommen - ohne dabei jemals gelernt oder Hausaufgaben gemacht zu haben. Im Gegensatz zu anderen: diese verloren unter dem Einfluss dieser Substanz jegliches Interesse und waren auf einmal zu nichts mehr zu gebrauchen)

    35(damals war mir beim Motorradfahren eine Fliege in die Stirnhöhle geflogen + dort verreckt. Die Folge waren eine Woche Fieber und Nasenbluten, bis der Klumpen mit einem Haufen Gewebe aus meiner Nase ploppte – mit Resten der Fliege darin)

    36 (gebt mir eine Bratpfanne!)

    37 (zwar hatten die Alki-Nachbarn angeboten, bei ihnen zu unterzukommen, aber das erschien mir dann doch eine etwas zu gewagte Idee)

     



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