VI.

 

6. Prostitutions-Vertrauen (96/97 Exkursion in die Fremde & die Rückkehr)

 

Es handelte sich um eine privat organisierten Verlag, welcher sich in der Hauptsache Übersetzungen und Interpretationen der Werke anderer Autoren widmete. Da sich ein missionarischer Charakter in ihre Arbeit eingeschlichen hatte, wurden auch Seminare beworben. Das andere, aus Berlin stammende Mädchen und ich stellten die beiden einzigen Teilnehmer dar. Von Freunden (oder "Arbeitskollegen") der beiden übersinnlichen Autoren empfangen setzen wir uns in einen Kreis.

 

Es begann mit einer lockeren Vorstellungsrunde.

 

Zunächst klärte man uns darüber auf, wie wir die für die spirituelle Arbeit notwendige „innere Klarheit“ erreichen könnten. Auch wenn sich mir der Zusammenhang nicht gleich erschloss, war ich gerne dazu bereit, etwas über Yoga und Meditation zu lernen. Es gäbe zwei Wege, erklärte man uns. Entweder man wähle den "linken" oder "rechten" Pfad (wobei der eine selbstverständlich ein verachtenswerter1 und der andere der der Erleuchtung und strengen Disziplin)2. Der eine Weg sei einfach (deswegen würden diesen die meisten wählen), der andere (natürlich) steinig und schwer. Habe man erst eine Entscheidung getroffen, sei ein späterer Wechsel nicht empfehlenswert. Mit erhobenem Zeigefinger wurde gewarnt: Die Risiken für den, der diese Weiterentwicklung nicht mit der dafür erforderlichen Gewissenhaftigkeit betriebe, wären nicht unerheblich, die Ausbildung außerdem nicht für jedermann gleichermaßen geeignet. Litte man beispielsweise unter psychischen Problemen, solle besser Abstand genommen werden.

 

Wie gut, dass ich keine psychischen Probleme hatte!

 

Man lebte sehr einfach und zurückgezogen, legte eine mönchsartige Disziplin an den Tag. Sie glaubten daran, dass die normalen Emotionen einer Gesellschaft „Schmutz“ mit sich brachten (von dem man sich daraufhin zeitraubend und kompliziert wieder befreien müsste). Meine erste Reaktion bestand darauf, das alles insgeheim als dummes Geschwätz abzutun. Keiner ist gezwungen, sofort jeden Unsinn zu glauben oder dabei mitzumachen. So hatte ich es bislang in meinem Leben gehalten und war gut damit gefahren.

 

Außer den beiden Lehrgängen, an welchen auch ich teilnehmen durfte, kam es zu keinen weiteren Treffen. Es machte den Anschein, als fühlte man sich bei der Arbeit durch uns Neulinge eher gestört als davon bereichert. Was ich gelernt hatte, führte zu einem weiteren Anwachsen meiner Kraft.Es handelte sich um einfache und allgemein bekannte Methoden zur Vertiefung von Entspannung, Konzentrations-Übungen wie Meditation, Yoga, Bioenergetik und autogenes Training. Also ein Haufen nützliches Zeug. Selbstverständlich gab es auch ein wenig Aufklärungsarbeit im Bereich magischer Rituale. Hier ging es um elementare Dinge, wie zum Beispiel die wichtige Aufgabe von Symbolen und die Kraft der Imagination.

 

Aleister Crowley, sei durchgedrehter Egomane gewesen, außerdem nicht gerade respektvoll im Umgang mit Frauen, erzählte man uns bei der Gelegenheit mit erhobenem Zeigefinger. Entscheidend sei, bei allem, was wir in unserem Leben noch lernen und studieren sollten, immer kritisch zu bleiben. Es sei gesünder, die Dinge aus einer Distanz heraus zu betrachten.

 

Den Weisungen entsprechend las ich unterschiedlichste wissenschaftliche3 Abhandlungen, übte, fing an, meine Hellsicht zu prüfen,4 meditierte, u.a.. Durch das daraufhin unvermeidliche Lösen von emotionalen Blockaden durchlebte ich verschiedene Aspekte meiner Kindheit noch mal und konnte mit alten Traumata abschließen. Auf einmal erinnerte ich mich auch wieder an das erste Mal, bei dem ich als Kind meine erste Tracht Prügel von Mama erhalten hatte.

 

Durch das Training wuchs eine unheimlich große innere Kraft heran.5

Bei dem, was nun mit mir passierte, handelte es sich um eine Metamorphose: Zu erfahren, dass es kein Wirken im Verborgenen gibt..., nichts von dem, was man fühlt, denkt, tut, jemals in Vergessenheit gerät, stellt eine Erkenntnis dar, die in ihrer Wucht kaum vorstellbar ist.

Und doch ist es so: Allein die Nuance eines Gedankens ist von Bedeutung.

Zu erfahren, dass jede Handlung eine Wirkung hat, kein Gedanke, der einmal gedacht, ungeschehen gemacht werden kann, nichts von dem, was auf der Welt geschieht, bedeutungslos ist, war erschütternd. Was man auch tut, alles hat Konsequenzen, selbst das Nichtstun. Wird einem das bewusst, gibt es tatsächlich kein Weg mehr zurück in den Kokon der Unwissenheit. Die Haut der Schlange hat, nachdem sie abgestreift wurde, keine Bedeutung mehr.

 

Jede zusätzliche Kraft sollte allerdings mit einem zusätzlichen Maß an Verantwortungsbewusstsein einhergehen. Hierfür gibt es viele Beispiele: den Führerschein, man macht einen Waffenschein, etc. Auch in der spirituellen Welt gibt es derartige Prüfstationen, in welchen man sich bewähren muss, bevor die Erlaubnis kommt, weiter zu machen.

Meine normalen Verhaltensweisen ergaben plötzlich keinen Sinn mehr. Ein Blinder, der plötzlich zu sehen vermag, braucht nun weder mehr Stock noch Blindenhund. Er wird aber auch mit der Welt, die sich ihm dann eröffnet, erst einmal komplett überfordert sein und bei jedem weiteren Schritt, den er macht, alles anders machen.

Diese natürliche Reaktion sollte auch bei mir erst einmal eine ganze Weile andauern. Zum ersten Mal verstand ich diese Art und Weise zu leben, in Zurückgezogenheit eines engen, ausgesuchten Kreis.

War diese Abgeschiedenheit notwendig?

 

Vor allem ein geistiger Führer hat mir zu dieser Zeit gefehlt. Jemand, der mir Halt und Selbstvertrauen hätte geben können. Jemand, der auf mich aufgepasst hätte und die einzelnen Phasen (und mögliche Auswirkungen) des Prozesses mir mit hätte diskutieren können. Der mich hinterfragte, käme ich mir erleuchtet vor - oder sich über meine Fortschritte freute, bildete ich mir ein, zu scheitern.

 

Spirituelles Wachstum benötigt seine Zeit. Die Geschwindigkeit, die man hierbei an den Tag legt, ließe sich am ehesten mit der des Wachstums einer Pflanze vergleichen. Wer ohne viel Aufwand schnelle Ergebnisse erzielen möchte, ist hier an der falschen Adresse. Da das Bedürfnis nach schnellen Ergebnissen bei den meisten jedoch an erster Stelle steht, beginnen viele Menschen (in der Regel schon im Kindesalter) zunächst mit Zerstörungsmagie.6 Neiden, beschimpfen und zerstören ist keine Kunst. Das kann jeder. Dafür braucht man sich nicht sonderlich anzustrengen.

 

Wenn man etwas Neues lernt, kann es von Vorteil sein, sich erst einmal mit einer nicht-so-hohen-Geschwindigkeit auf die Nase zu legen. Um so höher die Fliehkraft, um so intensiver gestaltet sich der Fall. Über alle Entwicklungen so etwas wie ein Tagebuch zu führen, erwies sich als hilfreich.

Zunächst erfolgte die Loslösung: Überlebenssysteme, mit Hilfe derer ich normalerweise den Alltag bewältigte, wurden angepasst. Gewohnheiten verleihen Halt! Um mich davon lösen zu können, musste ich diese zunächst erkennen. Da der Alltag aus unendlich vielen kleinen Konditionierungen besteht, kann das sich-dessen-bewusst-Werden ein durchaus langwieriger Prozess sein. War ich besonders verunsichert, musste ich mir selbst zwischendurch klar machen, dass soweit alles noch im grünen Bereich, nach wie vor fünf Zehen zum damit wackeln an jedem Fuß sowie der Kopf noch über der Schulter waren. Mit Erleuchtungen jeglicher Art so umzugehen, als sei das nur ein ganz normaler Nebeneffekt7 und sich über diese Erkenntnis nicht im Größenwahn zu verlieren (um daraufhin wie ein Propeller abzuheben), war eine der vielen Hürden, die es zu nehmen galt.8

 

An dieser Stelle lernte ich jemanden noch einmal neu kennen: Es gibt einen Vertreter, der in der spirituellen Welt für mich immer "der schwarze Bruder" gewesen ist. Er stellt so etwas wie einen dunkler Zwilling unseres Selbst dar, einen Schatten.9 Als Teil des Selbst und gehört er so eng zu unserem Wesen wie die eigenen Gene. Da er derjenige ist, der sich als von der Schöpfung getrennt empfindet, strebt er immer einzig und allein danach, sich ihrer wieder zu bemächtigen, sehnt sich danach wie ein kleines Kind nach seiner Muttermilch. Er fordert, brüllt, kämpft, taktiert, schmeichelt, führt Kriege. Er wäre derjenige gewesen, der den "linken Pfad" sowie die einfach zu erlernende schwarze Magie gewählt hätte.

 

Wer meint, er stellt den unumschränkten Be-herrscher seiner Triebe und Begierden dar, ist ein Blender. Dieses "Tier" in uns, welches niedere Instinkte und Begierden verkörpert, sollte man nicht unterschätzen.10 Bekämpft man diesen Teil von sich, wird man am Ende nicht der Beherrschende sein, sondern umgekehrt.

Judo lehrt: Siegen durch nachgeben. Nachgeben dient in diesem Fall nur dem Zweck des Besänftigens und Einlullens unseres schwersten Gegenspielers: uns Selbst.11

Heilung tritt an Hand der Erkenntnis, Teil eines großen Ganzen zu sein, auf den Plan. Bei Eintreten eines höheren Bewusstseins stellen wir fest, das alles Ausdruck einer höheren Ordnung, eines universalen Willens ist. Ein Wille, der (selbst dann, wenn uns das nicht immer so ganz klar ist) auch der unsere ist. Dafür muss man sich aber nicht von sich abwenden, sondern zu.

 

Eines Nachts träumte ich einen Traum. In ihm befand ich mich an einem Strand, begegnete dort einem weisen, älteren Herrn. Wir unterhielten uns und steiften durch die Dünen, bis wir uns einer Gruppe Menschen näherten. Diese, mitten in der weiten Landschaft plötzlich in Reih und Glied aufgestellt, suchten als Gruppe im Sand nach Gold. Und tatsächlich! Zwischendurch stieß einer von ihnen jauchzend auf eine vermeintliche Goldader. Leider stellte sich sehr schnell heraus, dass es sich um ein illusorisches Glück handelte, welches ebenso wie der Sand durch das Sieb rann. Es glänzte, blieb aber nicht erhalten. Dies passierte mehrmals hintereinander. Trotzdem es immer wieder dasselbe Spiel war, gruben die Menschen weiter und weiter. Wieso lernten sie nicht?

Sollte ich ihnen helfen?

An der Stelle warnte mein Begleiter mich eindringlich, auf gar keinen Fall zu versuchen. Aber warum sollten diese armen Menschen weiter ihre kostbare Lebenszeit und Kraft dafür verschwenden,einer derart sinnlosen Tätigkeit nachzugehen? Darauf erklärte er mir, dass diese Menschen es als ihr Glück empfänden, ewig danach zu suchen. Sie aufzuklären, käme bei Ihnen so an, als wollte ihnen jemand etwas wegnehmen.

Als ich, diese Warnungen in den Wind schlagend, hinging, um sie über die Sinnlosigkeit ihres Tuns aufzuklären, wurden sie bitterböse.

 

Dieser Traum war zwar sehr symbolisch, aber einfach zu verstehen: Das (Blatt-) Gold steht hier für (leicht vergängliches) Lebensglück. Es gibt zwei Sorten von Glück:

  • Eines, welches immer da ist. Wir brauchen es nur zulassen. Es kommt zu uns in Augenblicken, in welchem wir uns intensiv in der Gegenwart wiederfinden.12

  • Dem entgegen gestellt ist die Vorstellung vom käuflichen Glück, mit welchem die innere Leere (die man empfinden kann, wenn einem dieses abhanden gekommen zu sein scheint) wieder auffüllen will.13

     

Die Möglichkeit, abhanden gekommene Lebendigkeit über irdische Reichtümer, Prestige, Macht und Statussymbole zurück kaufen zu wollen ist zwar ein weit verbreiteter Irrglaube, aber auch ein solcher kann uns motivieren. Erkenntnis wäre hier zwar schon der erste Schritt zur Besserung, aber: auch eine Illusion verleiht Halt. Manche richten ihr ganzes Leben danach aus! Erkenntnis käme in diesem Fall einer Bedrohung gleich, bedeutet nicht Erlösung, sondern Verlust

(Erlösung => von der Gewohnheit => deren Löschung).14

Die vom Licht (u.d. Schöpfung) separierten, unterbewusst agierenden Ich-einheiten lieben ihre geistige Umnachtung. Man hält daran fest. Steht seine Existenz auf dem Spiel, nimmt uns der schwarze Bruder auf die Hörner.

Eigens zu diesem Zweck wurde irgendwann einmal das sogenannte „Böse“ erfunden: Alle Erwachten und Erwachenden gehören zu jenen, die zunächst zum Feind auserkoren und gegen die im Anschluss daran zum Krieg aufgerufen wird.15 Das enorme Wissen der alten Völker in den letzten Jahrhunderten wurde, immer wieder,systematisch ausgelöscht.16

 

Deshalb hatte mich der weise alte Mann in meinem Traum aufgesucht und gewarnt. Ich würde den Menschen damit nicht nur nicht helfen, sondern mich auch selbst in Gefahr begeben. Ich durfte das erkennen, mich aber in das, was sie taten, nicht einmischen.

 

Und wieder hatte ich einen Traum:

Auf der Suche nach einem Ort, an dem ich Ruhe finden würde, betrat ich eine Höhle in einem Berg. In dieser befand sich eine weiße Schlange, vor der ich mich in meditativer Pose auf die Knie begab. Sie hob ihren Kopf, sah mich in unendlich weise an und nickte mir zu. Auf ihrem Kopf befand sich eine goldene Krone.

 

Die Frage war klar. Wollte ich weiter in einer Scheinwelt leben?

Ich beschloss, mich fernab der Zivilisation zu begeben. Dafür brauchte ich nur noch ganz offiziell mein WG-Zimmer zu kündigen und all mein Hab und Gut zu entsorgen. So kam ich in den Wald.

 

Nimmt man mehrere Kilometer weit jedes Lebewesen wahr und versteht die Sprache der Tiere und Pflanzen, gibt es dazu kaum eine Alternative! Die Natur selbst ist rein. Es war der denkbar beste Ort für mich.

 

Ich lebte dort ein wenig eine Art Schneewittchen Leben (nur ohne Zwerge). Die Tiere störten sich nicht an mir, schienen mich als eine der ihren zu akzeptieren. Rehe liefen in einem Meter Enfernung an mir vorbei, als gäbe es mich gar nicht, Vögel nisteten dort, wo ich schlief, flogen mir um die Nase, während sie ihre Kinder fütterten. Ihr Gesang begleitete mich, wohin ich auch ging. Ich lebte ausschließlich nur noch in den Tag hinein, still, hörte zu.

 

Bislang hatte ich in einer Art zweidimensionalen Welt gelebt. Bereits sehr daran gewöhnt war es beinahe schmerzhaft, als mich diese Perspektive auf einmal verließ. Wenn auch nur, um einer neuen Platz zu machen: Es handelte sich um jene Art von Leid, welches alle Veränderungsprozesse der Welt begleitete. Ich wusste allerdings nur zu genau, dass es für diesen Vorgang an der Zeit war und empfand keine Angst. Im Hier und Jetzt gab es die Möglichkeit, diesen Weg zu gehen. Sie wahrzunehmen, ein logischer Schritt.

 

Was andere über mich dachten, daran verschwendete ich nicht einen einzigen Gedanken.Wenig überraschend sah man in meinem radikalen Schritt nur ein weiteres Symptom. Sie verstanden es offenbar nicht, dass es sich hierbei nicht um eine Realitätsflucht, sondern Vielmehr um eine Selbstfindung handelte. Ich benötigte, um meine Existenz zu rechtfertigen kein Rudel – und hatte deshalb auch nicht schon im Vorfeld um eine positive Resonanz gebuhlt.

 

Wie alle Lebewesen sind auch wir Menschen von Natur aus empfindsam. Statt uns in unserer Verletzlich,- und Vergänglichkeit so zu akzeptieren, wie wir sind, scheinen viele zu glauben, an dieser Stelle auf (äußeren) Schutz angewiesen zu sein. Deshalb tun sie sich in Grüppchen zusammen, welche ihre Stärke verheißt. Diese demonstrieren sie sich gegenseitig besonders gerne, indem sie einander nachahmen.

Die glorreiche Stimme der Mehrheit, welche an die höhere Ordnung gesellschaftlich akzeptierter Dogmen glaubt, verleiht diesem Glauben Legitimation. Wenn so viele ihr Handeln danach ausrichten, kann es nicht falsch sein, so die unumstößliche Logik. Instinktiv glauben wir an die Intelligenz der Massen. Also passt man sich dieser an und macht fremde Werte, Eigenschaften und Meinungen zu den eigenen. Ein Panzer, der, über allem stehend, vermeintlich unbesiegbar macht. Sein Name: Vernunft.

 

Als Sündenbock erlebte ich nun im Rahmen einer erneuten gesellschaftlichen Intrige -wieder einmal- eine Art Wiedergeburt, die es in sich hatte. Der Betreffende, so glaubt man, müsste gesellschaftlich stigmatisiert werden, um ihn dafür, dass er so ist, wie er ist, zu strafen. Einen Stempel drauf zu bekommen, ist nicht schwer: Geschichten verbreiten kann jeder.

Welche Folgen hat das? Die derart stigmatisierte Person wird Freiwild auf Lebenszeit. Damit, offiziell für geisteskrank um-etikettiert zu werden, wird nicht nur zur Hatz freigegeben. Man hat auch keinen Anspruch mehr auf eigene Entscheidungen oder Gefühle. Diese werden nun im Namen des Guten von außen aufoktroyiert, das Recht auf eigene Wahrnehmung mit sofortiger Wirkung entzogen.

 

Vorstellungen und Wünschen Außenstehender soll Modell gestanden werden. Erwartungen sind ziemlich willkürlich. Wer sich anderen gegenüber das Zepter in der Hand zu halten wähnt,17 urteilt hierüber nach Lust und Laune. Eine Tatsache, die eine Orientierung stark verkompliziert, denn Launen folgen keinem festen Prinzip. Sie sind nicht nur wenig nachvollziehbar, sondern obendrein auch noch ziemlich unbeständig.

Dazu kam: Mich in die Haut eines jeden, der mir begegnete, hinein zu versetzten, bestand für mich überhaupt kein Bedarf. Für anderer Leute Häute hatte ich keinerlei Verwendung. Die eigene Haut. Das war das Einzige, was mich interessierte.

 

Scheinbar möchte sich einjeder gern als Aristokrat - mächtig und privilegiert - vorkommen.18 Materieller Reichtum verspricht den Weg zu ebnen. Sich ein goldenes Krönchen auf den Kopf zu setzen, um sich dadurch irdische Vorteile verschaffen zu können, hat mit dem, wofür dieses ursprünglich einmal stand, nicht mehr das Geringste gemein. Was hat ein Mehr an Reichtum nun mit einem Weniger an Rückkrad zu tun? Gold gilt auch in der spirituellen Welt als ein Inbegriff von Vollkommenheit. Das sogenannte "Kronenchakra",19 ein über dem Scheitel liegendes Energieschloss, stellt das Tor zum göttlichen Verständnis dar => Sind wir mit dem Licht verbunden, ohne uns als von ihm separiert zu empfinden, sind die Bedürfnisse unseres dunkeln Zwillings plötzlich gar nicht mehr von Relevanz! Eine Folge von Erkenntnis, welche sich ganz automatisch einstellt, ist, an irdischen Verlockungen kein Interesse mehr zu entwickeln.20

 

Sich selbst zu kleinen Aristokraten krönende Nachahmer, welche – ohne dabei irgendein tieferes Verständnis - meinen nun, sich das Recht heraus nehmen zu dürfen, der Welt zu diktieren, wie sie ihren Dünkel nach zu sein habe? Woher?

 

Und wieder hatte ich einen Traum.

Ich saß an einer langen Tafel, erfreute mich der Gesellschaft von Freunden. Das Zusammensein genoss man recht herzlich. Irgendwann stellte ich fest, dass meine Positionierung sich von der der anderen unterschied: Ich saß am Kopf der Tafel und mein Sitzplatz war leicht erhöht. Als mir das auffiel und ich darauf hinwies, eine gesonderte Stellung einzunehmen, nickten die anderen mir freundlich zu: Ich sei der König. Aufmerksam geworden sah ich mich um. Wir befanden uns auf einer Lichtung im Wald. Ich saß nicht nur auf einem Tron: Über mir hing auch noch ein Schwert - an einem seidenen Faden. Vor lauter Schreck weigerte ich mich fortan, meinen Platz einzunehmen. Das gehöre nun mal dazu, König zu sein, hieß es. Anders ginge es leider nicht. Damit mich keiner erkennen und zurück auf den Tron schicken würde, zog ich fortan in der Kleidung eines Bettlers umher, lebte von Almosen und Gelegenheitsarbeiten, führte auch als ein solcher ein weitgehend sorgenfreies, glückliches Leben. Eines Tages hörte ich die Menschen über ihr Schicksal und große Not klagen. Als ich fragte, warum dies so sei, reckten die Menschen die Hände gen Himmel und riefen:

« Der König ! »

Ich erschrak. War meine Tarnung aufgeflogen? Das konnte nicht sein. Nein. Zum Glück hatte mich niemand erkannt. Aber..., was war denn nun mit dem König?

« Was ist denn mit dem König? »

Das interessierte mich.

« Ja, weisst du es denn nicht? Er ist nicht mehr da!! Er hat uns verlassen. »

Das war mir durchaus bekannt. Ich nickte.

« Und? Was ist denn daran so schlimm? »

« Er regiert nicht mehr. Das Land ist allein und verlassen. Überall streifen Diebe und Betrüger einher. Es gibt keinen, der auf uns aufpasst, regiert, Gerechtigkeit übt. Daher leiden wir große Not. »

Mehrere Tage streifte ich nachdenklich weiter umher. Das Vagabundenleben als solches hatte mir bislang gut gefallen. Mir hatte es an nichts gefehlt. Aber dass das Land meinetwegen Not litte, sollte so nicht sein. Schweren Herzens begab ich mich an die große Tafel, mittlerweile verwaist und verlassen, zurück. Dort setzte ich mich unter das Schwert und regierte, so wie es mir von Anfang an bestimmt gewesen war. Leider wollte sich die frühere Freude ohne meine die Anwesendheit meiner Gefährten nicht wieder einstellen, ebensowenig wie die Unbeschwertheit. Den Rest meiner Tage verbrachte ich zwar als König, war dabei aber sehr einsam und unglücklich.

 

Kleidung mit Abnutzungserscheinungen und Löchern trugen in der Vergangenheit vor allem die die untersten Schichten der Gesellschaft. Arbeiter, Tagelöhner, einfache Leute. Solche, so stellen wir instinktiv fest, sind oft vertrauenswürdiger als unsere an weltlicher Macht reichen Möchtegern-Aristokraten. Und wieder ist es die äußere Erscheinungsform, die nachgeahmt wurde, als der Markt und die Geschäfte damit begannen, künstlich Abnutzungserscheinungen in Kleidung einzuarbeiten. Was genau hinter einer äußeren Erscheinung steckt, spielt für viele gar keine Rolle. Das Vertrauen, die Liebe und Gefühle der Dankbarkeit, welche diesen (spirituellen Maßstäben nach) königlichen Wesen entgegen gebracht werden - derer möchte man sich auch gerne verdient gemacht haben. Um ein besserer Mensch zu werden; kaufe man sich also eine Hose mit Löchern darin.21 Die neue Oberliga trägt Holzfällerhemd. Eine der Versionen des goldenen Krönchens - versteckt in einer ultramodernen, verwaschenen Jeans.

 

Bordet der Erfolgsstatus beim Menschen über, hat er nach unserer allgemein anerkannten, unausgesprochenen Ordnung das Recht dazu, sich in einer Art, die sich trotzdem als "zivilisiert" bezeichnen darf, ganz offen asozial zu verhalten.22 Wer genau hinsieht, sieht auch, dass die nette Gesichtsmaske, mit der Menschendarsteller sich zu bedecken gern befleißigen, oft nur sehr oberflächlich ist. Daran ändert auch deren Verkleidung nichts. Über alledem herrscht ein großer sozialer Rückhalt für das Recht des Rücksichtslosen, Intriganten und Asozialen.23 Viele scheinen wirklich daran zu glauben, dass die Rechtfertigung dafür, ein Verbrechen zu begehen, dieses sühnte: Man braucht also nur ein legitimes Feindbild zu entwickeln und schon werden aus Verbrechern selbsternannte Kämpfer für Gerechtigkeit.

 

Das große Rudel, welches wir Mitmenschen nennen, lebt niedere Triebe wie Neid, Habgier, Missgunst und die sich allseits immer noch großer Beliebtheit erfreuende Maßlosigkeit und Völlerei24 oft vollkommen ungehemmt aus. Eine solcherart tabuisierte Reaktion wird sich aber bei all jenen, die wissen, wie wichtig es für ihren Status ist, Gefühle niemals offen zu zeigen, erst dann offenbaren, wenn sie glauben, es zu dürfen. Auch ganze Gruppen von Menschen verhalten sich so. Hierbei ist das Prinzip, dass alle mitziehen und gemeinsam über Problemverhalten hinwegsehen, wichtig. Der Geruch dieser Krankheitsherde ließ mich instinktiv Abstand halten. Ist es nicht vielmehr so, dass es unsere gesellschaftlich vorgeschriebene Nettigkeit in Wirklichkeit nur eine missglückte Kopie davon darstellt? Es scheint sich eher um eine Nattrigkeit zu handeln!

 

Jemand, der es nötig hat, sich zu verstecken, wird nur zu einer vorgetäuschten Version von Nächstenliebe in der Lage sein. Wer alles (inklusive sich selbst) als käuflich betrachtet, nimmt Liebe nur als eine Ware wahr. Solche Menschen leben in dem festen Glauben daran, dass es sich bei liebevollen Gesten um Fälschungen handelt. Beziehungen untereinander werden häufig nur noch über den Zweck definiert und gehen mit einer Verpflichtung zur Erniedrigung einher. Frauen, die sich auf ihr Geschlecht reduzieren, glauben, sich zur Ausgeburt eines Sexappeals und damit zu einem guten, weil käuflichen Wesen machen zu müssen - Wenn alle es tun, wird es wohl richtig sein. Passen wir uns an.

 

Ich war alles mögliche, aber käuflich, das war ich nicht. Für mich gab es ein Problem: Ich ließ mich nicht von anderer Leute Erwartungshaltung prostituieren. Dass ich nicht mitzumachen gewillt war, in einem Spiel, das mit gezinkten Karten gespielt wurde, brachte so manch einen gewieften Gewohnheitssieger schwer aus dem Konzept. Wenn auch nur für einen klitzekleinen Moment, fielen andere Menschen bei einer Begegnung mit mir aus ihrer mühsam einstudierten Rolle.25 Dass es plötzlich keine Täuschung mehr gab, schien völlig ausreichend dafür, hart mit mir ins Gericht zu gehen.

 

Um sich und auch andere von der vermeintlichen Richtigkeit der eigenen Lebenseinstellung überzeugen zu müssen, scheint es offenbar erforderlich, Wahrheit durch Mehrheit durch einzufordern: "Sag mal. Ist doch so, oder?" fragt diese imaginäre Armee permanent. Dieses Verhalten nenne ich bis heute "Echolot".26 Wer über keinen zuverlässigen inneren Radar verfügt, bemüht solche Methoden der Orientierung. Diesen Vertretern der Gattung Menschheit war ich immer schon ein Dorn im Auge, da ich an dem, worin sie Halt fanden, kein Interesse zeigte, womit ich, ohne mir dessen bewusst zu sein, ihr ganzes Sein in Frage stellte.

 

Ich erinnere mich daran, wie ich einmal in der elterlichen Küche auf einem Stuhl sitzend, ganz entspannt, die Lebensenergie leuchten lies.

Als mein Vater den Raum betrat, blieb er (als er mich erblickte) wie angewurzelt stehen:

« WAS MACHST DU DA !! » fragte er schockiert, als hätte ich irgendetwas angestellt.

Aufgrund seiner Reaktion fragte ich mich das in dem Moment natürlich in dem Moment auch. Ja, also, was machte ich? Hmm, ...

Sah man das denn nicht? Noch viel wichtiger erschien mir, herauszufinden: Wieso regte ihn das so auf? Entspannt der Küche sitzen tat doch jeder von uns einmal. Bisher war das doch auch kein Verstoß gegen geltende Regeln gewesen? War da irgendetwas Anstößiges?

Ich sah an mir herunter. Wieso reagierte er so?

« Sitzen...? » antwortete ich verschüchtert, in der Hoffnung, dass ihm das als Antwort auf seine seltsame Frage genügte.27

 

Es ging bei mir schon lang nicht mehr darum, für mich selbst oder für jemand anderen den allerallerbestesten Platz im Leben zu ergattern. Ich hörte auf zu funktionieren,... und fing statt dessen damit an, zu existieren. Das war mein Weg. Und ich hätte ihn weitergehen sollen.

Aber mein werter Herr Vater nervte so lange herum, bis ich wider besseres Wissen nachgab und bei Bekannten von ihm in eine bereits bestehende Jugendlichen-Wohngruppe zog. Nein, unter einer Tanne schlafen, das war nicht ok. Eigentlich wusste ich, dass es wahrscheinlich besser wäre an meinen eigenen Weg festzuhalten. Deshalb sträubte ich mich auch innerlich, seinem Wunsch nachzugeben, knickte dann aber, wie gewohnt, wieder ein.

 

  • Ich ignorierte mein Bedürfnis, meinen eigenen, -für mich- einzig richtigen Weg zu gehen, meinem inneren goldenen Band zu folgen.

  • Ich konnte nicht absehen, welch schwerwiegenden Fehler ich damit beging, als ich mich wieder einmal in meines Vaters vermeintlich - schützende - Arme begab.

  • Ich war mir dessen nicht bewusst, dass ich mich schon für beinahe alle von meinen Freunden, Verwandten und Bekannten als geisteskrank galt.

 

Plötzlich war er da. So groß, so tief und so dunkel rabentiefschwarz, dieser Graben, der sich auf einmal zwischen mir und dem Rest der Gesellschaft wand: un-überwindbar. Auf der einen Seite stand ich, allein, von der Scheinwelt, in der meine Gesellschaft lebte, irgendwie getrennt, auf der anderen Seite: die anderen. Worte schienen fast ausschließlich Verpackungswunder, leere Hüllen. Meist gingen in in den Menschen, die mir begegneten völlig andere Dinge vor, als sie es vorgaben zu tun. Das ging so weit, dass ich, wenn einer sprach, die Stimme gleich zweimal hören konnte:

 

Zu Tisch bei Kuchen und Gebäck. Der Kaffee ist schon da, das Schälchen mit Würfelzucker jedoch unauffindbar. Der Gastgeber flötet in Richtung Frau:

« Schaaatz, du hast den Zucker vergessen... »

Ich hörte seine Worte, hörte aber auch:

« Du blöde Ziege, wozu taugst du eigentlich? Sieh zu dass du deinen lahmen Hintern in Richtung Küche Bewegung setzt und den SCHEISS-Zucker hier ran schaffst, aber PRONTO! »

Sie trällert zurück:

« Oh, das tut mir leid. Macht ja nix, ich werd ihn gleich holen gehen. »

Hier lautete die Übersetzung:

« Du dummes Arschloch kannst dir deinen blöden Zucker selber holen! ».28 Interessanterweise funktionierte das auch mit Fremdsprachen, die ich in meinem inneren in meine eigene Sprache übersetzen konnte, selbst dann, wenn ich kein Wort davon verstand.

 

Wieso sprachen sie mit gespaltener Zunge? Auf Lügen zu reagieren ergab für mich keinen Sinn - etwas anderes schien gar nicht erwünscht! Diese Illusion gemeinsam mit anderen Menschen als Realität anzuerkennen, wäre für mich allerdings genau so gewesen wie, als würde ich selbst permanent lügen. Also reagierte ich nicht darauf. Auf jeden Fall anders, als die Regisseure ihrer Etiquette es vom ihrem Publikum gewohnt waren. Mir erschien es sinnvoller, nicht auf das vorne auf der Bühne zur Schau gestellte Theater, sondern vielmehr auf den Strippenzieher dahinter Acht zu geben. Es war, als sollte ein Tanz getanzt werden, den alle kannten, aber ich nicht richtig gelernt hatte. So trat ich zwangsläufig einem jeden auf die Füße. Auch, als ich daraufhin ganz still zu stehen entschied, erschien es grundfalsch.

Gar nicht zu kommunizieren verunsichert auf Smalltalk gebürstete Schwätzer ungemein.

 

Zusammengefasst könnte man behaupten, dass einjeder sich anhand von Täuschung vor dem anderem prostituieren zu wollen schien. Die Hingabe, das Vertrauen in die unausgesprochenen, bereitwillig akzeptierten Regeln dieser Lügerei wurde allgemein als verpflichtend empfunden. Denjenigen, die sich nicht den Erwartungsmustern der Freier entsprechend verhielten, traf der Vorwurf, sobald sie sich diesem Diktat nicht vollends unterwarfen.

Das kapierte ich nicht. Misstraute jedoch nicht den Menschen selbst, sondern nur mehr ihrem unumstößlichen Glauben an die Wahrheit durch Mehrheit. Ein Fehlverhalten meinerseits sah ich darin nicht. Dass sie das aus dem Konzept brachte, war auch nicht mein Problem. Wobei man der Überzeugung schien, dass es genau das aber hätte sein sollen. Sie verhielten sich, als sei es der personifizierte Erfolg für jedermann, ein geschickter Falschspieler unter einem Haufen von Falschspielern zu sein.

 

Unmöglich, von mir zu verlangen, das Spiel auf genau dieselbe Art und Weise mitzuspielen. Das Sprechen stellte ich weitgehend ein, beobachtete nur noch. Unterhaltungen kamen nur noch äußerst selten vor. War es der Fall, wunderte man sich über meine scheinbar normal ausgeprägte Bereitschaft zur Kommunikation:

« Oooh, Du kannst ja sprechen ! »

Das konnte heiter werden. Was für ein Statement. Yes.

« ... Jaaa, ... und...? » Wie geistreich.

« Das wusste ich ja gar nicht ! » What a pity.

Grunz. Dann weisst du es halt jetzt.

« Mit dir kann man sich ja richtig unterhalten! »

Ja, warum denn auch nicht?

« Ja, warum denn auch nicht? »

Die Ursachen für mein Schweigen blieben im Verborgenen.

 

Ich erschien als Osterhase mit Turnschuhen, war aber nun, statt in schwindelerregenden spirituellen Höhen damit herumzukraxeln, im Flachland unterwegs. Nur wenige meiner Mitmenschen, mit denen ich es damals zu tun hatte, schienen in der Lage, das zu erkennen.29 Ich sollte an einem, so wie man es nannte, Gemeinschaftsleben teilnehmen. Dies stellte einen Rückschritt dar, den ich gar nicht gebrauchen konnte.

Die gleiche Reaktion wie die, die ich als Heranwachsende bereits gezeigt hatte, kam plötzlich wieder auf: Realitätsflucht. Unzufrieden mit der Situation fing ich erneut damit an, ununterbrochen meine Nase in Bücher zu stecken. Ich war unglücklich. Daran konnte auch Pegasus, das garstige, kleine Shetlandpony, welches den Zirkuswagen, in dem ich zur Zeit wohnte, bewachte, nichts ändern. Er ging auf jeden los, der sich näherte.30 Bestimmt wollte auch er nur seine Ruhe haben.

 

Die Wohngruppe wies ebenso eine leicht kränkelnde Hierarchie auf. Die eigenen Kinder stellten hier die Aristokratie – Pflegekinder die Untermenschen. Das bekamen wir – man zählte mich zu den Pflegefällen, auch wenn ich schon 18 Jahre alt war, ständig zu spüren. Man wurde grundlos angebölk, Mobbing und gewaltsame Übergriffe an der Tagesordnung.

 

Nach dem (gemeinsamen) Mittagessen aß ich normalerweise immer ein Stück Obst. Ohne dieses fühlte ich mich nicht im Gleichgewicht. Irgendwann bekam ich von der Wohngruppeleitung ein Veto: ich solle nicht "das ganze Obst wegfressen". Ich überlegte, ob ich vielleicht anmerken sollte, dass ich nicht "das ganze Obst wegfressen" würde, sondern nur ein Stück Obst pro Tag? Die anderen Kinder /Bewohner aßen so gut wie nie davon, so dass es eh nur vor sich hin gammelte.

Ich sagte mir: wenn man mich schon so aggressiv anmaulte, würde man wahrscheinlich seine guten Gründe dafür haben. Also verzichtete ich fortan auf meinen Apfel zum Nachtisch. Diese und andere unschöne Szenen ließen mich die raue Zeit auf dem Bau und in meine liebe WG zurücksehnen. Dort hatte ich es immerhin noch besser gehabt als hier.

 

Eigentlich hatte ich mich schon sehr an das Leben auf eigenen Beinen gewöhnt. Schließlich war ich mit dem Arbeitengehen angefangen, um nicht mehr auf das Wohlwollen anderer Leute angewiesen zu sein! Jetzt ständig wieder bevormundet zu werden war nicht Sinn und Zweck der Maßnahme gewesen, mich aus der Zivilisation zurück zu ziehen.

Zur Strafe war ich erneut zum unmündigen Kind degradiert worden. Trotzdem mein Vater mich zwar nicht zu sich nach Hause zurückgeholt hatte: Ich war bei Menschen untergebracht worden, bei welchen er sich jederzeit erkundigen konnte, ob ich gerade auf dem Klo saß oder wieder wie gewohnt Löcher in die Luft starrte.

Aber: Für die Wohngruppe war ich eindeutig zu alt.

Deshalb ergab sich folgendes Interview:

« Wie soll es denn jetzt weitergehen ? »

Überfordert saß ich da und zuckte mit den Achseln. Wieso fragte er mich das? Er hatte mich doch hierher verfrachtet! Hatte er damit denn nicht auch das Kommando wieder an sich gerissen? Dann wäre es auch an ihm, alles weitere in meinem Namen für mich zu entscheiden. Mein Weg wäre ein ganz anderer gewesen. Ich wollte nicht in einer Wohngruppe vor mich hin vegetieren! Diese Worte spukten in meinem Kopf herum. Jedoch wollte ich ihm weder irgendwelche Vorwürfe machen, noch ihn verletzen. Mich als undankbar für seine Fürsorge zu erweisen, entsprach auch nicht meiner Absicht. Kam ich denn bei dem, was ich ihm sagen wollte, darum herum? Auf einmal fiel mir der Traum aus meiner Jugend wieder ein: einen Beruf auszuüben, bei dem ich mit Pferden zu tun haben würde. Wäre es ein gelungener Mittelweg, wenn ich ihn darum bat, mir diesen Wunsch zu erfüllen? Dann hätte er etwas, worum er sich kümmern konnte.

Dieses Mal gelang es, mich zu äußern:

« Ich möchte gern mit Pferden arbeiten. »

Mein Vater versprach, sich darum zu bemühen.

 

Alle um mich herum meinten, sie hätten eine vom Wahnsinn befallene Irre vor sich, welche ihrerseits dachte: Die benehmen sich aber verrückt...

Entweder war ich gar nicht erst existent oder wurde aus sicherer Entfernung vorsichtig beäugt, dabei enthusiastisch hinter dem Rücken getuschelt. Kam ich zu nah, wandte mach ganz sich schnell (dabei natürlich möglichst unauffällig) ab. Ich bekam nur noch Rücken zu sehen.

Von den ganz Mutigen konnte dann so etwas kommen:

« Na, wie geht es dir? »

Worte... Oha.

War das jetzt so etwas wie Gespräch, an dem ich teilzunehmen verpflichtet sein sollte? Nö. Kein Bock. Galten sie etwa mir?

Ich kannte den Typ nicht. Er war unangenehm.

Verwundert fragte ich mich, woher dieser Person mein Name überhaupt bekannt war.

« Du hast Probleme, da musst du doch was machen! » wurde zusammenhanglos doziert.

Das interessierte mich jetzt doch langsam aber sicher. Ich beschloss, mich am "Gespräch" zu beteiligen.

« Aeh, Hallo? »

« Ja. Hallo. »

« Wovon sprechen Sie bitte? »

« Von dir..? !! » erlaubte man sich zu behaupten.

Auch ein Staunen meinerseits.

« Darf ich Sie bitte noch einmal etwas fragen? »

« Ja, bitte. Kein Problem. »

« Nur so aus Interesse: Da wir uns rein zufällig jetzt hier heute das erste Mal begegnet sind: ... Kennen wir uns ? »

« Nein, nicht direkt, ... aber... »

« Und wovon bitte sprechen Sie da gerade ? »

« Von deinen Problemen! Also, na hör mal, das weiß doch jeder hier. Tu doch mal jetzt nicht so... Du solltest eine Therapie machen! »

Was war denn das jetzt? Ich sollte mich auf einmal für das rechtfertigen, was andere über mich erzählten? Warum diskutierte er das nicht mit jenen aus, die diese Geschichten über mich in die Welt setzten? Wollte man mich auf einmal für das verantwortlich machen, was andere erzählten? Er benahm sich ziemlich dumm, darauf musste ihn wohl mal einer hinweisen.

« Welche Probleme? Und, was für eine Therapie? Und: Wie kommen Sie denn jetzt darauf? »

Missbilligendes Schweigen.

 

Die Menschen, die mit mir in Kontakt traten, gaben zu meinem alltäglichen Verwundern vor, mehr über mich wissen, als ich selbst. Sehr lustig fand ich auch folgenden Dialog, bei dem jemand, ohne diese Worte direkt an mich zu adressieren, unpersönlich in den Raum hinein produzierte:

« Früher war ich auch mal schizophren, aber das habe ich mir abgewöhnt! »

« ... Aeh ...? »

Was war gemeint? Wie, er war mal schizophren gewesen - und warum erzählte er das? So erschreckend, wie diese Tatsache war31, stellte sich mir gleich die nächste Frage: wie, das konnte man sich abgewöhnen? Das machte mich etwas neugierig. Was genau war Schizophrenie? Zog man sich das zu wie eine Grippe? Wie fühlte sich das an und wie äußerte sich das, usw. Sollte ich ihn darauf ansprechen oder wäre das taktlos von mir? Ich fragte mich natürlich, wie jemand auf die Idee kommen konnte, solche Aussagen zu tätigen.32

 

Von diesen "Problemen", auf die man mich ansprach, hatte ich keine Ahnung. Davon verstand ich nichts. Hatte man mich eventuell mit einem universalen Problem-Master verwechselt? Ich war nicht allwissend, konnte auch nicht jede Frage aus dem Stand heraus beantworten. Und ich konnte auch nicht, bloß weil sich andere Menschen das so sehr wünschten, auf einmal Probleme aus der Hosentasche zaubern, wo gar keine waren. Das war allerdings ein Problem. Also war das Problem, dass ich keines hatte, ein Problem! Als ich darüber nachdachte, das in Worte zu fassen, musste ich lachen.

 

Vernunft und Logik suchten volle Deckung, verkrochen sich in weiter Ferne. Auch ich zog den Kopf ein und mich immer weiter zurück. Da klaffte ein tiefer Riss zwischen mir und diesen verwirrenden Kreaturen, die mir augenscheinlich nur noch rein äußerlich glichen.33 Ich heckte einen Plan aus: Damit ich ihnen in ihrer eigenen Sprache zu begegnen fähig wäre, wollte ich sie lernen. Also beobachtete ich sie. Ihre Art, sich zu bewegen, ihre Gestik und Mimik. Menschliche Kommunikation beruhte scheinbar nicht auf dem, was sie einander erzählten, sondern auch auf diversen Äußerlichkeiten.

Um diese zu beobachten, musste ich die Aufmerksamkeit von mir selbst weg lenken. Das wollte mir nicht gefallen. Ein solches Verhalten lies mich meine Orientierung verlieren, was jedesmal Panikattacken auslöste.

Trotzdem wollte ich den Tanz lernen, den sie dort tanzten. Womit tauschten sie sich aus? Wie kommunizierten sie wirklich?

Nichts entging meinem aufmerksamen Blick. Jede kleinste sichtbare Nuance, die mir etwas über ihre Ausdrucksformen verriet, erhielt einen Namen. Wo waren die Übereinstimmungen, gab es wiederkehrende Muster?

Dafür legte ich ein inneres Vorkabelheft an, in dem die vielen verschiedenen Formen, mit denen Menschen nonverbal kommunizierten, jeweils einen eigenen Namen verliehen bekamen. Wenn sich eine dieser Gesten anbahnte, rezitierte ich in Gedanken den dazu passenden Begriff daher und nickte mir dabei selbst zu.

 

  • Es gab das Verhalten des „Verkehr-in“. Das war jemand, der sich einem, dabei hemmungslos sinnfreien Kram vor sich her schwätzend, möglichst unaufällig näherte. Was einen Verkehr-in zu jemanden machte, dem ich grundsätzlich mit Misstrauen begegnete. Der Verkehr-in setzte meist eine besonders oberflächlich-freundliche Gesichtsmaske auf und verhielt sich distanzlos-aufdringlich.

  • der „Sterion“: Ein Blick, der einen, streng starrend, fixierte. Den Oberlehrer (über seiner Lesebrille schauend) herauskehrend verfolgte dieser Blick die Absicht, seinem Opfer damit (wie mit einer unsichtbaren Peitsche) zu drohen. Den Sterion setzte jemand ein, der von sich glaubte, es zu dürfen. Um Widerspruch bereits im Keim zu ersticken. Dem mit diesem Blick Erniedrigten den Weg abzuschneiden. Der Sterion war absolut. Niemand widersetzte sich dem Sterion.

  • La Tutzi.-> La Tutzi hatte etwas verniedlichendes. Als wenn man einem Kind,34 obendrein noch einen übergroßen Clownskragen würde umbinden müssen. Es kam mir vor wie ein Beschneidung. Selbst wenn sie niedlich waren, waren es doch würdevolle Wesen! Ich empfand dieses Vorgehen als widerlich. Abgeleitet hatte ich die Vokabel vermutlich vom "Dutzi - Dutzi". Quietschflöt. Wenn erwachsene Menschen ihr Gehirn ablegen, weil sie etwas niedlich finden.

  • Da war das -> Ta-komm-Zutel. Das Zutel war eine eigentlich nette Geste, die besonders zurückhaltende oder vielleicht ein wenig schüchterne Menschen zeigten, indem sie anstatt zu sprechen stundenlang an irgendwelchen Dingen herumzupfen. Das Zutel war ein zärtliches, nachdenkliches Herumfummeln an Kordeln, drehen und Herumschieben von Gegenständen oder ähnlichem.35

  •  

Jede Geste erhielt einen besonderen Namen. Es existierten Nomen, davon ab leiteten sich Verben. Es gab auch übergeordnete Begriffe, die tabellarisch zusammen fassten, wodurch Tiefe entstand.

So zum Beispiel empfand ich das Zuviel an Selbstdarstellungtrieb, auf spiritueller Ebene, als Onanieren, weshalb ein solches Verhaltensmuster diesem Oberbregriff untergeordnet wurde. Die Tätigkeit, der jemand nachging, konnte dadurch eine besondere Färbung erhalten. Stellte sich jemand, mit dem was er tat, damit vor Publikum dar - entsprach dies einer Art geistigen Selbstbefriedigung. Ein Verhalten, welches durch Imitation einer Handlung zu Glanz verhelfen sollte, entsprach der „Onanie“.

 

Natürlich wurde ich auch einem Psychiater vorgeführt.

In diesem Szenario des sich-prostituieren-Müssens gegenüber den Erwartungen, die eine Gesellschaft an einen hatte, stellen sie die Zuhälter dar. Sie sorgen dafür, dass aus einer unwilligen Matratze eine bereitwillige wird. Zumindest eine, die sich nicht mehr wehrt.

Mein Einverständnis zu diesem (einmaligen) Besuch diente dem Zweck der Befriedung des Bedürfnisses nach Fürsorge meines Vaters. Ich gab wie auch sonst nur seinem Drängen nach. Klar war: Wenn sich dies überhaupt positiv auf mein Leben auswirken würde, dann nur durch den inneren Frieden, den ich hoffte, ihm dadurch schenken zu können.

Man setzte sich in einem Kreis um einen Tisch herum. Geräuschfetzen flogen hin und her. Wie üblich redete man über mich, aber nicht mit mir. Das fiel irgendwann auch auf, weshalb sich nachträglich doch eine Aufforderung zu mir herabließ, bitte kurz mit dem existieren anzufangen:

« So lassen sie sich doch helfen »

Krasse Begrüßung! Und: was für ein Steno-Interview! Und: wo war bitteschön der Zusammenhang?

Ich reagierte mit vorsichtig dosierter Entrüstung:

« Ja, also, wobei denn bitte schön? »

Man schwieg, musste ich also deutlicher werden. Wobei wollte man mir eigentlich helfen? Beim Orangen schälen? Beim hinter-dem-Ohr-kratzen?

« Ich kann mir mittlerweile selber den Hintern abwischen? »

Eltern halfen zwar, wenn man klein war, aber irgendwann war auch deren Job mal zu Ende. Dann brauchte man keine solche "Hilfe" mehr. Das brachte es auf den Punkt.

« Also, was genau erwarten Sie jetzt von mir? »

Psychiater => Hilfloser Blick zu meinen Eltern:

« Sie sehen ja, das macht keinen Sinn. So kommen wir auch nicht weiter. »

Papiergeraschel. Dieses Geräusch versprach, dass ich bald aus dieser unerfreulichen Situation entlassen werden würde.

Zumindest ein Teil der Kommunikationsschwierigkeiten, die ich mit meinem Umfeld hatte, schien künstlich angelegt. Schade, dass viele sich gar nicht mehr die Mühe gemacht haben, mich überhaupt erst kennenzulernen, bevor sie sich dem vorgefertigten Bild von dem, was genau ich für sie darstellen sollte, hingegeben haben.

 

Nachdem irgendwann der Winter eingekehrte und ich laut der Ansicht meiner derzeitigen „Betreuer“ nicht mehr im (dem unbeheizten) Zirkuswagen schlafen können sollte, lernte ich durch einen arrangierten Zufall eine Pferdefamilie in der Nähe von Hamburg kennen. Da das älteste ihrer Kinder gerade von zu Hause ausgezogen war, stand eines der Zimmer leer. Unter der Voraussetzung, ich packte im Haushalt ein wenig mit an und half bei der Stall-arbeit, sei ich willkommen. Das sollte ja wohl kein Problem sein. Warum auch nicht, ich hatte gerade tatsächlich nichts Besseres vor.

Dass mein Vater meinen Aufenthalt dort mit Kost und Logis bezahlte, wusste ich nicht. Die Reitstunden, die ich eigentlich bekommen sollte, seien angeblich zu teuer, hieß es dann. Das sah ich natürlich ein! Auch auf den hauseigenen Ponys sollte ich keinesfalls reiten dürfen. Stallarbeit machen war natürlich erlaubt.

 

Die meiste Zeit über zog ich mich zurück. War ich allein, fühlte ich mich wohl(er). Die Natur fehlte mir, aber: im Winter kann es dort reichlich ungemütlich werden. Bei Minus 10 bis - 20 Grad blieb auch ich lieber indoor. Statt den Vögeln zuzuhören, wie sie mit ihrem Gesang die Schöpfung priesen und einen neuen Morgen heraufbeschworen, entwickelte ich neue Hobbies und versuchte, Gitarre spielen zu lernen. Der Sohn des Gitarrenlehrers, Leo, war ein Phänomen. Das hatte ich noch nie erlebt. Er war vollkommen frei von Persönlichkeit. Eine ausgetrunkene Coladose war genauso leer wie er!! Ich gab mir wirklich Mühe, die energetischen Spuren eines menschlichen Bewusstseins in ihm nachzuspüren, aber da war einfach nichts! Das war doch wohl nicht möglich! Oder doch? War er mir etwa ähnlich? Fasziniert beobachtete ich ihn und fragte mich, ob er auch (ebenso wie ich es gerne tat) mit meinem Haustier (einer Ratte namens Charisma) telepathisch Kontakt aufnehmen und sich mit ihr unterhalten würde. Wenn er mir ähnlich war, bestand eine Wahrscheinlichkeit dazu. Aber nein, es gab keine Unterhaltung. Leo sah nur aus wie ein Mensch, war aber keiner. Faszinierend.

 

Um möglichst niemandem zu begegnen, kehrte ich den Tag/Nacht Rhythmus um: Wenn alle schliefen, das war meine Zeit.

Damit handelte ich mir eine Menge Ärger ein. Warum benahm ich mich bloß nicht wie ein normaler Mensch? Leider wurde ich auch hier nicht akzeptiert. Man schien mich als minderwertig zu betrachten.

Ab und zu rief mein Vater an, brachte mich zu diesen Gelegenheiten mit seinem therapeutischen Gelaber schier zur Weißglut. Das zog mich jedes mal so sehr herunter, dass ich bald gar nicht mehr mit ihm sprechen wollte.

Auch dieser Gastfamilie war der Fluss der Gedanken vergiftet worden, schon bevor ich zu Ihnen gestoßen war. Sie beäugten mich misstrauisch, was mich zwar sehr verwirrte, doch eigentlich war ich daran ja fast schon gewöhnt.

Ich scherzte sogar von Zeit zu Zeit darüber:

« Mann, komm ich mir schizophren vor. »

Dafür erntete ich etwas verhaltenen Beifall. Vielleicht hoffte man darauf, dass ich endlich einsehen würde, wie krank ich war?

Als ich Monate später heraus fand, dass mein Vater für meine Aufbewahrung Geld bezahlte36 schmiedete ich den Plan, bald mein Koffer zu packen.

 

Mich in meine Heimatstadt (Köln) zu begeben, um mir endlich eine neue Arbeitsstelle zu suchen, sollte bei meinen Vorkenntnissen, die ich von meiner Arbeit auf dem Bau mitbrachte, einfach zu realisieren sein. Ich hatte endgültig die Schnauze davon voll, wie ein kleines Kind gemaßregelt zu werden. Mein Selbstbewusstsein entwarf keinerlei Bedenken, einen derartigen Neuanfang aus eigenem Antrieb hinzubekommen. Sobald der Winter vorbei war, wollte ich los.

Selbstverständlich erfolgte sorgenvolles gutes Zureden.

Ein Fred postulierte:

« Du wirst in der Gosse landen »

Das innere Lexikon öffnete sich: Gosse => so etwas ähnliches wie der Rinnstein einer Straße, in dem sich bei feuchtem Wetter der Regen verlief. Darin sollte ich "landen"? Ich überlegte. Zu welchen Gelegenheiten (außer wenn man sich gerade auf die Klappe legte) tat man das? Es hörte sich fast so an, als wollte ich mit dem Flugzeug reisen?

In der Gosse landen“? Was bedeutete das?

« Was meinst du damit, Warum sagst du das? »

« Na, das ist doch logisch: Du bist ein schwaches, hilfloses Mädchen, da ist das so etwas wie ein Naturgesetz. Alle jungen Mädchen die auf der Straße leben, landen in der Gosse, das ist so sicher wie das Amen in der Kirche. Und man weiß ja bekanntlich, was aus denen dann wird. »

Okay. Dieser Fred sprach in Rätseln. Seine Stimme klang dabei so verachtend, dass ich diese "Unterhaltung" nicht unbedingt noch weiter in die Länge ziehen wollte.

« Aha. Ja, ok. »

Solche und ähnliche Äußerungen stießen nun auf ein nicht-existierendes Öhrchen, welches ich imaginär ohne Umwege in die Mülltonne befördern konnte, ganz ohne dabei ein schlechtes Gewissen zu bekommen.

 

Um was ich mir wirklich Sorgen machte, das war ein ganz anderer Punkt: Ich war total einsam! Freunde, mit denen ich hätte zusammen sein können, gab es hier keine. Ich kannte in diesem komischen Dorf keine Sau! Darüber hatte ich bereits nachgedacht. Wie jemanden kennenlernen? Durchs Dorf rennen und aufs Geratewohl Leute ansprechen? Ich kam mir isoliert vor. Sogar exzessives Kekse Backen hatte nicht geholfen. Meine Kekse mochte keiner, sie schmeckten fürchterlich. Niemand freute sich darüber - ich musste sie alle alleine essen!

Ich brauchte Liebe... Aber wie sich etwas verschaffen, von dem man nichts versteht?

Alle schienen in irgendeiner Beziehung zueinander zu stehen.

Ich begleitete die junge 16-Jährige aus meiner Gastfamilie zu der Geburtstagsparty einer ihrer Freunde. Dort fühlte ich mich sehr unwohl, sprach kein Wort und fühlte mich einsamer den je.

Selbst die kleine Siebenjährige der Pflegefamilie, welches mir öfters mal auf den Schoß kletterte, verängstigte mich bloß damit. Auch, wenn es möglicherweise eine liebevolle Geste von ihr war - ich konnte die Berührung nicht ertragen.

Auf einmal sehnte ich mich nach dem Gefühl, Teil eines größeren Ganzen, eines Miteinander zu sein.

Aber: So etwas konnte mir kein Psychologe der Welt geben.

Als ich mich wieder einmal dazu überreden hatte lassen, einen solchen aufzusuchen, erkannte ich diesen Sachverhalt und entschied, dass weitere Besuche dort eigentlich überflüssig waren. Wenn sich dadurch eh nichts ändern würde? Dann war das Zeitverschwendung.

Um mir zu helfen, hätte ein solcher erst einmal all jenen helfen müssen, die mir einredeten, ein schlechter Mensch zu sein, weil ich so war, wie ich war. So sehr, dass ich mir nun, langsam aber sicher, solche Menschen herbei zu sehnen begann, die noch ganz normal mit mir umgehen konnten. Aber meine Freunde - die waren allesamt hunderte von Kilometern weit entfernt!

 

Als der Weihnachtsbaum die Hütte endlich räumen durfte,37 war es für mich soweit: Charisma auf der Schulter bestieg ich mein Fahrrad. Um aus diesem immerwährenden Alptraum, wenn auch nur kurz, zu erwachen, wollte ich zu aller erst meine Freunde besuchen und danach erst nach Köln weiterreisen. Während der Zugfahrt las ich in Watzlawicks "Konstruktivismus", ein Abschiedsgeschenk des Phänomen-Verlags. Interessante Lektüre! Dabei dachte ich an Mike, den der-sich-die-Schizophrenie-abgewöhnt-hatte. Auf einmal hatte ich das Gefühl, ihn zu lieben. Bei dem Gedanken kam ich mir komisch vor und schüttelte deshalb lachend und etwas verwirrt den Kopf. So ein Schwachsinn, den Mike, den liebte ich doch nicht! Woher kam nur dieser absurde Gedanke? Wir hatten zwar schon einmal in ein und demselben Bett übernachtet, aber damals war ich sehr froh darüber gewesen, dass er sich so anständig verhalten und mich nicht angefasst hatte! Liebte ich ihn, hätte ich das damals sicherlich anders empfunden.

 

What do I have in my Pocket?

 

Endlich beim Medizinmann angelangt, gröhlten alle laut vor lauter Begeisterung, mich zu sehen. Bis auf das Arschloch vom Dienst – der wie gewöhnlich erstmal herumprollte. Das war doch mal eine herzliche Begrüßung! Wie immer saßen sie, Abends, schwer am Tönen und selbstverständlich auch am Saufen, vor der obligatorischen Flimmerkiste. Was gerade gesendet wurde, spielte für niemanden eine Rolle. Die Glotze war nur Alibi für das gemeinsame Alkoholvorräte-Vernichtung-Ritual. Sofort hatte ich von irgendwoher eine Dose Bier in der Hand. Man fragte mich aus, wo ich "denn solange gewesen" sei und was ich in der ganzen Zeit so getrieben hätte. Das war es. Ich konnte mich zurücklehnen, die Augen schließen und entspannen. Vertrauen. Alle respektierten einander und freuten sich darüber, dass ein altes Rudelmitglied wieder zu ihnen gestoßen war. Darauf wurde angestoßen.

 

1 (in welchem nur man nur unterbewusst vor sich hin vegetierte und dabei ausschließlich von seinen niederen Instinkten und Begierden gesteuert werde)

2 (man würde sich also blamieren oder zu den Tollen gehören)

3 (herkömmliche "Wissenschaften", keinen esoterischen Blödsinn)

4 (Münze werfen, Würfeln, bewusst vorgenommene Astralreisen + Überprüfung des Gesehenen)

5 (im der östlichen Philosophie wird hierbei von der sog. Kundalini gesprochen)

6 (=> Ein Kunstwerk anzufertigen, dauert lange und ist schwere Arbeit - es zu zerstören jedoch geht schnell und ist sehr leicht. Beide Handlungen erzielen eine Wirkung)

7 (so ist es auch!! Fängt man an, mit Licht zu arbeiten, ist, erleuchtet zu sein, nichts Besonderes)

8 (deshalb füllen auch heute immernoch Teil-Initiierte im Anfangsstadium scharenweise die Psychiatrien. Weil ihnen unter anderem eine kompetente geistige Führung im Stadium des Erwachens fehlt, sich hierzuland kaum einer wirklich mit diesem Phänomen auskennt. In Indien mag das vielleicht etwas anders sein. Aber hier in Deutschland und anderen von westlicher Kultur dominierten Ländern haben wir da tatsächlich ein paar Defizite)

9 (der schwarzer Bruder ist unsere materielle Verkörperung, in ihm vereinen sich alle nicht-bewussten Vorgänge)

10 (es gibt da dieses schöne Bild von einer Monsterkreatur, die sich zu den zarten Klängen einer Harfe schlafen legt. So in der Art kann auch mit dem schwarzen Bruder verfahren werden)

11 (Unser Bedürfnis, uns nicht mehr unverbunden zu fühlen, fordert mit aller Macht Befriedigung (Frieden) ein. Wer solche Bedürfnisse bekämpft, sie unterdrückt, leidet - und verstrickt sich dadurch nur um so unwiderruflicher im Sumpf der Dunkelheit. Es endet darin, dass der Hunger immer noch größer wird)

12 (oder be-finden, für den Zenmeister ist der dauerhaft so erlebte Moment das ulitmativ angestrebte Ziel)

13 (leider ist gekauftes Glück oft nur dazu gut, eine noch größere Leere zu verursachen, welche seine Nutznießer dann wiederum dazu animiert, noch mehr davon erwerben zu wollen, um die noch größere Leere in sich damit aufzufüllen - ein ewiger Teufelskreis mit endloser Abwärtspirale)

14 (2007 las ich mit Interesse einen Bericht darüber, dass für Schamanen das Sterben zu einem festen Bestandteil ihres Lebens gehört. Jemand, der allerdings meinen Erfahrungshorizont nicht teil, würde selbstverständlich eine solche Auffassung aber für abartig oder krank erklären. Das, was für den einen ein wünschenswertes Ziel darstellen kann, nämlich nach diesem vermeintlichen Ende wie der Phönix aus der Asche wieder geboren werden zu können, kann für einen anderen etwas sein, was ihn in Todesangst versetzt)

15 (nicht nur in einem davon überholten und bereits der Vergangenheit angehörenden, finsteren Mittelalter)

16 (lustigerweise geschah das immer im Namen des Guten!)

17 (Familienangehöriger, Sozialarbeiter, Nachbar oder Arzt)

18 (der hierbei prominenteste Vertreter: der sogenannte Zaunkönig)

19 (die erwachte Kundalini, meist repäsentiert durch eine hoch aufgerichtete Schlange)

20 (was nicht so gut zu funktionieren scheint, ist durch Entsagung Erkenntnis hervor locken zu können, wie Vertreter weltlicher Religionen eindrucksvoll vorführen)

21 (warum nicht gleich ins Kloster?)

22 (Die Hauptsache ist, dass das Krönchen nicht verrutscht)

23 (sicher - dies wird nur versteckt, nicht offen ausgelebt. Das ist ja der Trick!)

24 (sowie das Bedürfnis, sich gegenseitig bis zur völligen Vernichtung Schaden zuzufügen)

25 ( Achtung Achtung: Ein Mensch, welcher sich wie Tarzan von Liane zu Liane von Maske zu Maske schwingt und dabei aus dem Konzept gebracht wird, reagiert garantiert mit wenig Humor)

26 (zu erkennen an einem permanenten Verkommunizieren der geglaubten inneren Wahrheiten)

27 (erst sehr viel später fand ich heraus, dass das sich Öffnen und das frei Fließen lassen von Energien die Menschen - wenn auch nur auf einer unbewussten Ebene - durcheinander bringt. Die einen reagieren dann religiös verklärt + die anderen reagierten mit Angst und Verboten)

28 (zwei Jahre später waren sie geschieden, was mich natürlich nicht wirklich überraschte)

29 (in der Regel vermochten es nur die Kinder)

30 (mich jedoch hat er großzügig am Leben gelassen)

31(natürlich tat es mir Leid, dass er einmal schizophren gewesen war)

32 (ich kam natürlich nicht dahinter, dass mein Vater zuvor mit ihm gesprochen hatte)

33 (die Einzige, die manchmal einen Zugang zu mir zu finden schien, war die Wohngruppenleiterin. Sie schien sich in mich hinein versetzen zu können, war über mein Weltverständnis und über meine Gabe, Zusammenhänge zu durchschauen, sehr erstaunt)

34 (oder sehr, sehr kleinen Hund, der eh schon das Kindchen-schema gepachtet hat)

35 (ich bin ganz klar ein Zutel-Typ)

36(wie demütigend! Ich war davon ausgegangen, für für meinen Unterhalt zu arbeiten!)

37 (er war inzwischen schon vollkommen vertrocknet und hatte alles voll genadelt)



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